DER ROTE STERN

Ich besuchte einen Kunden. Maksim.

Er zeigte mir seine Werkstätten. Zwei waren es. In der einen wurden Möbel gebaut, in der anderen Leder und Stoffe verarbeitet. Werkstätten war vielleicht schon ein großes Wort. Es waren eher Garagen mit zwei oder drei Mitarbeitern, fahlem Licht, uralten Maschinen, Spänen und Staub.

Maksim war stolz darauf.

Ich kannte solche Betriebe inzwischen. Wir fuhren auch seine Verkaufsflächen ab, gemietet in alten Eingangsbereichen von Schulen, manchmal neben Geschäften, in denen man Fotos entwickeln lassen konnte. Er verkaufte Betten, Kästen, Innentüren, Kommoden, Tische. Einfache Möbel, Standard.

Für die Spitäler, sagte er, sei das ein riesiger Markt.

Nur Geld hätten sie keines.

Irgendwann bat er mich um etwas Zeit. Er müsse noch etwas erledigen, privat, bevor wir weitermachten. Er zeigte auf ein Haus. Siebter Stock.

„Komm doch mit.“

Ich hatte den Eindruck, dass er nicht nur hinaufmusste. Er wollte mir etwas zeigen.

Der Lift funktionierte nicht. Wir gingen zu Fuß.

Oben öffnete sein Vater. Um die siebzig, auf einen Stock gestützt. Er sah mich an, zögerte nicht und bat uns herein. Wer mit seinem Sohn kam, war willkommen.

Die Wohnung kam mir vertraut vor, obwohl ich nie dort gewesen war. Dieselben Farben, dieselben Möbel. Teppiche, Lampen, ein Fernseher, der lief, ohne dass jemand wirklich hinsah.

Seine Frau saß davor.

Im Fernsehen sprachen sie über Kursk. Das U-Boot. Bilder vom Meer, von Schiffen, von Männern, die warteten. Ich hörte hin, ob es etwas Neues gab. Von internationaler Hilfe war die Rede und davon, dass sie abgelehnt worden war.

Niemand im Zimmer reagierte.

Maksim hatte Medikamente und etwas zu essen mitgebracht und verschwand damit in der Küche. Ich stand noch im Vorraum und sah durch die offene Doppeltür ins Wohnzimmer. Sein Vater setzte sich zu seiner Frau, legte ihr die Hand auf die Schulter und strich ihr langsam durchs Haar.

Sie hatte schwere Demenz.

Der Vater kümmerte sich um sie. Maksim kümmerte sich um beide.

Anders wäre es kaum gegangen. Medikamente waren teuer, aus einer Pension oft kaum zu bezahlen. Wenn die Eltern nicht mehr konnten, kamen die Kinder. Wenn es Kinder gab und sie helfen konnten.

Als wir gingen, umarmte der Vater seinen Sohn. Dann setzte er sich wieder zu seiner Frau.

Draußen fragte ich mich zum ersten Mal ernsthaft, wie es wäre, hier selbst krank zu werden. Oder jemand, der mir nahestand.

Es gab gute medizinische Versorgung, aber nicht unbedingt dort, wo sie für alle gedacht war. Das ehemalige KGB hatte seine Einrichtungen, inzwischen die SBU. Deputierte hatten ihre. Wer dazugehörte, hatte andere Möglichkeiten.

In Kyjiw war manches besser. Dort gab es internationale Gäste, Spezialisten, einige besser ausgestattete Einrichtungen. Aber wer damals eines der üblichen Krankenhäuser in den großen Städten außerhalb Kyjiws betrat, verstand schnell, was „besser“ bedeutete.

Grün gestrichene Wände. Linoleum auf gebrochenen Fliesen. Durchhängende Betten. Toiletten, die nicht schlossen. Auf den Gängen standen Menschen, weil es kaum Sitzplätze gab. Manche Lifte funktionierten, andere nicht. Geräte fehlten oder waren kaputt, in manchen Zimmern hing eine Steckdose halb aus der Wand. Kakerlaken gab es auch.

Und darin arbeiteten Ärzte und Schwestern. Unter Bedingungen, unter denen man sich manchmal fragte, wie überhaupt etwas funktionieren konnte.

Auf den Gängen tauschten die Menschen Namen aus.

„Der ist gut.“

„Zu dem geh.“

„Zu dem geh nicht.“

Solche Sätze waren wichtig. Man kannte einen Arzt oder jemanden, der einen kannte. Man sprach über Medikamente und Hausmittel, darüber, wo etwas zu bekommen war und wer helfen konnte.

Auch die Krankenwagen gehörten zu dieser Welt. Manche sahen aus, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Ein alter Bus, hinten eine Stahltrage. Es kam vor, dass Benzin fehlte.

In Simferopol ging es noch halbwegs. Weiter draußen wurde es dünner.

Feldscher, sagte man.

Das Wort kannte ich vorher kaum.

Dann passierte es mir selbst.

Ein Hund, eine Kette, ein Schnitt. Mehr Blut, als nötig gewesen wäre.

Ein Taxi brachte uns ins Krankenhaus. Wohin genau, wusste ich nicht.

Dort behandelte man mich freundlicher als andere. Das bemerkte ich sofort. Der Arzt suchte nach gutem Material, entschuldigte sich für die Umstände und irgendwann sogar für das Land, in dem er arbeitete. Für das, was ihm geblieben war.

Das beschämte mich fast mehr als der Zustand des Krankenhauses.

Wie konnte ein Land, das über Gold, Gas, Öl, Kohle, Uran, Titan, Aluminium und riesige Wälder verfügte, bei einem Kranken plötzlich so arm aussehen?

Diese Frage ließ mich lange nicht los.

Denn ganz ohne Medizin war das Land nicht. Ganz ohne gute Ärzte schon gar nicht. Der Unterschied lag darin, wer an sie herankam.

Wer Beziehungen hatte, fand einen Weg. Wer Geld hatte, noch eher. Für die anderen begann das Warten.

Mit den Jahren änderte sich vieles. Erst langsam, dann sichtbar. Neue Fenster kamen in die Krankenhäuser, anfangs manchmal gespendet, später selbst bezahlt. Neue Geräte tauchten auf. Ärzte verdienten mehr. Medikamente wurden leichter erhältlich, auch westliche. Manche Krankenhäuser wurden renoviert, andere neu gebaut.

Die alten Wege verschwanden deshalb nicht. Beziehungen blieben wichtig. Geld ebenfalls.

In Russland sah ich später eine andere Entwicklung. Wer es sich leisten konnte, suchte längst woanders nach Medizin. Deutschland, Österreich, Israel, die USA.

Manchmal riefen mich Bekannte aus Russland sogar an und fragten, welches Krankenhaus in Österreich das beste sei. Für eine Operation, eine Behandlung, manchmal für eine Geburt.

Wer es sich leisten konnte, stieg ins Flugzeug.

Die anderen blieben.

Wie groß der Unterschied innerhalb eines Landes sein konnte, erlebte ich mit meiner Schwiegermutter. Sie musste operiert werden, und inzwischen hatten auch wir Kontakte.

Beziehungen.

Wir brachten sie in das Krankenhaus der SBU.

Gegen Geld ging das nun.

Es war noch sowjetisch. Aber sauber. Freundlicher. Das Material besser. Ich war froh, sie dort untergebracht zu haben.

Und gleichzeitig irritierte mich, wie sichtbar der Unterschied war.

Man musste nur durch eine andere Tür gehen.

Jahrzehnte später, nach unserer Flucht, saß ich in Kyjiw wieder in einer medizinischen Einrichtung.

Diesmal war fast nichts mehr so, wie ich es aus den neunziger Jahren kannte. Hochmodern, gut ausgestattet. Ich bekam einen Termin. Die Ärzte hatten zum Teil im Ausland studiert. Ich war versichert, alles wurde bezahlt.

Ich erzählte dem Arzt, wie ich die Krankenhäuser früher erlebt hatte.

Er war noch jung. Er hörte sich meine Geschichten an, lächelte und griff schließlich nach einem kleinen Sternchen, wie sie dort offenbar für Kinder bereitlagen.

„Hier. Für den Veteranen in Ihnen.“

Ich nahm den Stern und klebte ihn an meinen Anzug.

Er war rot.