DIE SCHALLPLATTE

Es dauerte einige Jahre, bis ich verstand, dass viele Gespräche gar nicht mit mir geführt wurden. Ich glaubte, wir würden über die Ukraine sprechen, über Georgien, Kasachstan oder Moldawien. Tatsächlich sprachen wir über Russland.

Fast beiläufig fielen Bemerkungen über die Ukrainer. Sie seien gute Bauern, aber schlechte Politiker. Die Georgier seien temperamentvoll, die Moldawier arm, die Menschen aus Zentralasien ohnehin zurückgeblieben. Es waren keine Ausbrüche von Hass. Eher Sätze, die so selbstverständlich ausgesprochen wurden, als beschriebe man das Wetter. Niemand im Raum widersprach. Warum auch? Wer sein ganzes Leben mit einem bestimmten Bild aufgewachsen ist, bemerkt irgendwann nicht mehr, dass es überhaupt ein Bild ist.

Auch in Europa fragte man mich oft, weshalb ausgerechnet die Ukraine. Geschäfte mache man doch in Russland, nicht in diesem armen, korrupten Land. Ich versuchte zu erklären, dass vieles von dem, was man der Ukraine vorwarf, in Russland mindestens ebenso, ja um vieles stärker ausgeprägt war – nur sprach kaum jemand darüber. Als gehöre es dort einfach dazu. Während die Ukraine sich selbst kritisierte, konnte Russland sich zurücklehnen. Seht her, selbst sie sagen es. Bis heute Wirklichkeit. Und man nahm es freundlich auf. Bis heute. Jede Kritik an der Ukraine bestätigte nur das russische Narrativ. Wie verkauftes Heu.

Je länger ich in Russland lebte, desto deutlicher erkannte ich ein anderes Muster. Es war kein offener Hass. Es war etwas Tieferes. Ein Blick von oben herab, der sich in unzähligen Gesprächen wiederholte. Die Ukrainer – Bauernvolk. Schlau, aber gerade deshalb schwierig. Fast wirkte es wie Neid. Ihr Wunsch nach Freiheit erschien vielen nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Affront. Ihr Streben nach Würde wurde als Verrat empfunden.

Es waren keine einzelnen Stimmen. Es war eine Haltung. Eine Selbstverständlichkeit, die den Ukrainern über Jahrzehnte das Gefühl vermittelte, nicht gleichwertig zu sein.

Mich beschäftigte weniger, was gesagt wurde, als die Selbstverständlichkeit, mit der es geschah. Diese Überzeugung musste niemand verteidigen. Sie war einfach vorhanden. Als gäbe es eine natürliche Ordnung, an deren Spitze Russland stand und unter der sich alle anderen irgendwie einzuordnen hatten.

Alles schien einer Schallplatte mit einem tiefen Kratzer zu gleichen. Die Nadel sprang immer wieder an dieselbe Stelle zurück. Zum großen Volk. Zur eigenen Überlegenheit. Zu dem Gedanken, dass Freiheit für die anderen nur so lange richtig war, wie sie den eigenen Interessen nicht widersprach.

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überraschte mich diese Haltung. Ein Imperium lebt nicht allein von seiner Macht. Es lebt von der Überzeugung seiner Bewohner, etwas Besonderes zu sein. Wer im Zentrum lebt, blickt irgendwann nicht mehr nach außen. Er blickt nach unten.

Moskau war über Generationen dieses Zentrum. Die Hauptstadt war das Schaufenster der Sowjetunion. Dort wurde gebaut, versorgt und investiert, während anderswo Mangel herrschte. Der Preis dieses Wohlstands blieb im Zentrum meist unsichtbar. Der Holodomor, Deportationen und die Ausbeutung ganzer Regionen fanden fernab der Boulevards statt. Sichtbar war nur der eigene Wohlstand. Aus ihm entstand allmählich die Überzeugung, man habe ihn sich verdient.

Vielleicht fragte ich mich deshalb immer öfter, was ein Imperium eigentlich ist. Ein großes Land? Eine große Geschichte? Oder die Fähigkeit, den Wohlstand des Zentrums auf den Verzicht der Ränder zu gründen und ihn dennoch für die eigene Leistung zu halten? Warum blieb ein Land mit unermesslichen Ressourcen über Jahrzehnte hinter seinen Möglichkeiten zurück? Wer entschied, wer bauen durfte und wer hungerte? Wer bestimmte, wer Zentrum war und wer Rand blieb? War das nicht die eigentliche Umverteilung?

Vielleicht verstand ich gerade deshalb nie, warum Größe so selten bewiesen und so häufig behauptet werden musste. Und was war die Größe eigentlich?

Vielleicht liegt genau darin die größte Leistung eines Imperiums. Es schafft es, Privilegien wie Verdienste erscheinen zu lassen. Wer bevorzugt wird, hält sich irgendwann für besser. Wer sein Leben lang hört, zum großen Volk zu gehören, beginnt irgendwann zu glauben, Größe sei eine Eigenschaft und nicht das Ergebnis politischer Macht. Aus Bevorzugung wird Überlegenheit. Aus Überlegenheit entsteht Geringschätzung – oft, ohne dass sie überhaupt noch als solche wahrgenommen wird. Zumindest nicht aus Sicht derjenigen, die von ihr profitierten.

Es erinnerte an einen Verkäufer, der unaufhörlich vom Potenzial seiner Ware sprach, weil über ihre tatsächliche Qualität kaum noch etwas zu sagen war. Gleichzeitig trat er auf, als besäße er die Exklusivrechte. Als wäre der Nachbar ebenso Eigentum – ausgestattet mit einem lebenslangen Bleiberecht. Ein Hypothek das man eben ertragen müsse.

Das Potenzial stand auf der Titelseite des Bilderkatalogs. Das Unerschlossene nährte den Mythos. Die Wirklichkeit stand im Kleingedruckten.

Vielleicht hinterlässt ein Imperium seine tiefsten Spuren deshalb nicht in den Landschaften, die es beherrscht, sondern in den Köpfen der Menschen, die überzeugt sind, das Zentrum der Welt zu sein.

Ursprünglich stammten die Begriffe „Groß-“ und „Klein-“ aus der byzantinischen Kirchensprache. Dort bezeichneten sie keine Rangordnung, sondern unterschiedliche Teile eines Herrschafts- oder Kirchengebietes. Im Russischen Reich erhielten sie jedoch eine neue Bedeutung. Aus den Ukrainern wurden „Kleinrussen“ – nicht mehr ein eigenes Volk, sondern der kleinere Teil eines größeren Ganzen. Aus einer historischen Bezeichnung wurde ein politisches Programm.

Wer die Ukrainer bis heute nicht als eigenes Volk anerkennt und ihre Sprache zum russischen Dialekt erklärt, führt dieses Denken fort.

Wer so denkt, muss Gleichberechtigung nicht verweigern – sie kommt in seinem Weltbild gar nicht erst vor.

Das Narrativ der „drei brüderlichen Völker“ behauptete Verwandtschaft. Es versprach Nähe, meinte aber Unterordnung. Die Brüderlichkeit galt nur in eine Richtung. Sie erinnerte an den Verwandten, der sich Geld borgt und jede Rückzahlung mit einem Lächeln beantwortet: Wir sind doch Familie.

Und dann kam der Februar 2022.

Plötzlich hörte ich wieder dieselben Sätze, die ich über Jahre hinweg immer wieder vernommen hatte – nur lauter als zuvor.

O Gospodi, was ist die Ukraine denn?

Drei Tage. Kyjiw gehört uns.

Sie werden uns mit Blumen empfangen.

Es waren keine neuen Gedanken.
Es war dieselbe Schallplatte. Nur lauter gedreht.
Den Liedtext dazu kannte jeder. Man sprach ihn nur nicht mehr aus:

Wir sind Brüder – solange ihr uns folgt.

Die gefährlichste Lüge ist jene, die ein Volk über sich selbst erzählt.