VERNISSAGE

Seien wir ehrlich.

Welches Bild haben wir von Russland? Von der Ukraine? Von Kasachstan, Georgien, von all den Ländern irgendwo zwischen Europa und Asien?

Und wer hat diese Bilder eigentlich gemalt?

Die meisten existierten längst, bevor man sich eine eigene Vorstellung machen konnte. Details kommen hinzu, andere verschwinden, Erzählungen werden übernommen und weitergegeben. Mit jeder Wiederholung verdichtet sich das Narrativ, bis es kaum noch von der Wirklichkeit zu unterscheiden ist.

Bis heute wirkt dabei ein alter Reflex: Größe wird mit Bedeutung verwechselt. Das Unbekannte erscheint geheimnisvoll, weil es groß ist – und groß, weil es unbekannt bleibt.

Treten wir vor das erste Bild.

Goldene Kuppeln. Schnee. Himmel. Reiter. Zaren. Bauern. Ikonen. Segelschiffe. Kriege. Not.

Seltsam vertraut. Und kaum jemand weiß, wer es gemalt hat.

Daneben die Ukraine.

Sonnenblumen. Weizenfelder. Goldene Kuppeln. Kosaken. Bauern. Pferde. Volksmusik. Der Maidan. Ruinen. Blau und Gelb.

Auch dieses Bild ist inzwischen vertraut, obwohl viele es noch vor wenigen Jahren kaum hätten beschreiben können.

Danach Kasachstan, Georgien, Armenien, Belarus, Moldau. Immer neue Bilder, immer neue Rahmen. Doch der Blick bleibt an den ersten beiden hängen, als gäbe es nur sie.

Warum hängen gerade diese Bilder an den Wänden? Warum nicht jene von uns – so, wie andere uns sehen? Wer entscheidet, was gezeigt wird und was nicht? Wann wird Auswahl zur Verzerrung?

Wer in diese Länder reist, aus Neugier oder um sie besser zu verstehen, begegnet meist den Bildern, die sie von sich selbst zeigen möchten. Museen, Städte, Gedenkstätten und Geschichten geben Orientierung. Man folgt ihnen bereitwillig und fühlt sich bald näher.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass jedes dieser Bilder einen Maler hatte. Einen Zeitpunkt. Eine Absicht. Jeder Pinselstrich erzählt deshalb nicht nur vom dargestellten Land, sondern auch von dem, der den Pinsel führte.

Vielleicht betrachten wir nie die Länder selbst, sondern ihre Gemälde – festgehalten in einem Augenblick, der längst vergangen ist.

Wo stehen wir also?

In der Eremitage in Sankt Petersburg? Im Louvre? Im Kunsthistorischen Museum in Wien? Im Metropolitan Museum in New York?

Oder längst in einer Galerie unserer eigenen Vorstellungen?

Vielleicht ist das der Ort, an dem wir die meiste Zeit verbringen, ohne es zu bemerken.

Am Ende der Ausstellung gibt es kein letztes Gemälde.

Nur einen Spiegel.

Darunter kein Titel, keine Erklärung.

Nur eine Frage:

Wer betrachtet hier eigentlich wen?

Kulturerzogen verlässt man den sorgfältig kuratierten Raum und hält das Gesehene leicht für die Wirklichkeit einer anderen Kultur. Dabei war es eine Auswahl, gerahmt und erzählt – und erstaunlich oft passte sie zu dem, was längst bekannt schien.

Gerade das macht die Ausstellung überzeugend. Man war dort, man hat es gesehen, erzählt davon und bestätigt mitunter ebenso sehr die eigene Reise wie das fremde Land. Bestätigung und Erkenntnis liegen näher beieinander, als einem lieb sein kann.

Draußen beginnt die eigentliche Vernissage. Die des Lebens.

Dort hängen keine Bilder. Dort sind Menschen. Widersprüchlich, unordentlich, kaum auf einen gemeinsamen Rahmen zu bringen.

Zu Hause beginnt dann etwas Merkwürdiges: Aus dem Besucher wird ein Vermittler und irgendwann selbst ein Maler. Übernommene Bilder werden ergänzt, anderes fällt weg, Geschichten werden weitererzählt – als hätte die Reise genügt, ein Land zu verstehen.

So bleibt das Gemälde bestehen.

Nicht weil es wahr ist, sondern weil immer jemand da ist, der es weiter malt.

Auch das ist Kunst.