DIE RUSSISCHE FRAGE
Ich hatte mein Manuskript oft selbst durchgelesen und stieß irgendwann auf eine Frage, die ich mir offenbar die ganze Zeit gestellt hatte.
Zu dicht, dachte ich manchmal. Zu viel. Immer neue Türen, immer wieder der Blick auf das Kleine, das mir das Große erklären sollte.
Und hinter allem eigentlich nur diese eine Frage:
Warum waren sie so?
Ich erzähle, was ich gesehen hatte. Meine Erfahrungen, meine Jahre dort, Begegnungen, Gespräche, kleine Begebenheiten und große Veränderungen. Ich suchte darin nach Zusammenhängen und glaubte, sie immer deutlicher zu erkennen.
Aber war nicht schon die Frage ein Fehler?
Irgendwann beginnt jede Antwort, ihre eigenen Beweise zu sammeln. Dessen bin ich mir bewusst. Wer lange genug erklären will, warum Menschen so sind, wird irgendwann vor allem das sehen, was seine Erklärung bestätigt.
Warum brauchte ich überhaupt eine bestimmte Antwort darauf, wie die Russen sind? Und wozu? Um meine Beobachtungen bestätigt zu sehen? Um eine neue Sicht anzubieten? Weil ich glaubte, näher gewesen zu sein?
Vielleicht war schon das die falsche Richtung.
Nicht: Warum sind die Russen so?
Sondern: Welche Kräfte machen bestimmte Verhaltensweisen wahrscheinlicher – und warum entziehen sich manche Menschen ihnen trotzdem?
Dann ist Gravitation keine Erklärung Russlands. Russland ist das Beispiel für das, was geschehen kann.
Das eigentliche Thema ist Macht.
Vielleicht ist das der Sinn dieses Buches. Als Warnung.
Denn wir machen immer wieder denselben Fehler. Wir schauen auf Putin. Wir sagen: Er ist schuld. Wir fragen, wie lange er sich noch halten kann, wer nach ihm kommt, was geschieht, wenn er verschwindet. Damit machen wir Macht zu einer Person.
Natürlich sitzt Macht oben. Dort ist der Präsident, dort der Apparat, die Polizei, die Armee. Der Befehl zum Krieg kam nicht aus der Bevölkerung.
Aber Putin kam auch nicht aus dem Nichts. In gewisser Weise war er zunächst eine Antwort auf einen Machtkampf im Inneren: auf konkurrierende Eliten, Oligarchen, Apparate, auf die Unordnung der neunziger Jahre. Oben brauchte man jemanden, der die Macht wieder bündelte.
Und unten?
Dort traf diese Lösung auf etwas anderes. So russisch, hieß es. So musste man Russland regieren.
Darin lag Bewunderung, aber auch Erleichterung. Hinter Putin stand noch das Bild Jelzins: Schwäche, Schwanken, Kontrollverlust – und die empfundene Demütigung eines Landes, das sich selbst nicht mehr als groß erkannte.
Putin musste diese Kränkung nicht erfinden. Er gab ihr eine Gestalt.
Oben brauchte man ihn, um die Macht zu ordnen. Unten begann man ihn zu brauchen, um Russland wieder als Macht zu empfinden.
Vielleicht war genau das der entscheidende Augenblick.
Denn nun geschah etwas, das über Putin hinausging. Er bündelte Kräfte, die nicht von ihm allein geschaffen worden waren, und veränderte sie anschließend durch die Macht, die sie ihm ermöglicht hatten. Er formte die Gesellschaft, von deren Resonanz er zugleich lebte.
Das ist keine Entlastung, im Gegenteil: Es macht die Verantwortung nur komplizierter.
Putin zog an einem Strick, der lange gespannt worden war und an dem er selbst jahrelang mitgespannt hatte. Irgendwann entschied er selbst.
Wieder ging es um innere Macht. Nur war es inzwischen eine andere als zu Beginn. Nicht mehr die konkurrierenden Eliten der neunziger Jahre, sondern ein Apparat und eine Elite, die unter ihm entstanden waren und deren Fortbestand immer enger mit seinem eigenen verbunden war.
Und schließlich:
Wir sind im Krieg.
Darin liegt ein beinahe geschlossener Kreis. Der Krieg wurde oben beschlossen. Aber die durch ihn entstandene Bedrohung konnte wiederum demjenigen neue Notwendigkeit verleihen, der ihn begonnen hatte. Je gefährlicher die Welt erschien, desto notwendiger konnte derjenige erscheinen, der diese Gefahr selbst mit hervorgebracht hatte.
Der Krieg selbst musste nie notwendig sein. Es genügte, wenn durch ihn der Herrscher notwendig erschien.
Gerade deshalb reicht es nicht, nur nach oben zu schauen. Wie in einer Armee wanderte der Befehl von einer Ebene zur nächsten, bis zu dem, der ihn ausführen sollte.
Aber warum wurde er nicht verweigert?
Nicht von allen. Manche verweigerten ihn, manche gingen, andere widersprachen oder schwiegen. Aber genügend taten es nicht. Manche gingen sogar weiter und trugen den Krieg mit einer Begeisterung, die von außen kaum zu verstehen war.
Vielleicht musste man lange dort gelebt haben, um wenigstens zu ahnen, woher sie kam. Sie entstand nicht erst mit dem Krieg. Ich hatte sie früher gesehen. In der wiedergefundenen Größe. Im Stolz. In der Kränkung. Im Präsidenten, dessen Stärke zur eigenen werden konnte. In diesem eigentümlichen Übergang vom Er zum Wir.
Genau deshalb genügt es nicht zu fragen, wer den Befehl gab. Das wissen wir.
Die schwierigere Frage lautet: Was muss vorher geschehen sein, damit Menschen einen Befehl, den sie nicht gegeben haben, irgendwann als Ausdruck ihres eigenen Willens empfinden können?
Denn Macht braucht nicht die Zustimmung aller. Genügend Schweigen reicht weit, Begeisterung trägt weiter.
Macht braucht Resonanz.
Gefährlich wird es, wenn ihre Sprache zur Sprache der Menschen wird, ihre Kränkungen zu deren Kränkungen, ihre Feinde zu deren Feinden, ihre Größe zur eigenen Größe.
Aus seinem Feind wird unser Feind. Aus seiner Kränkung unsere. Aus seiner Größe unsere.
Aus Er wird Wir.
Dann beginnt sich Macht mit Gesellschaft zu vermischen.
Vielleicht liegt darin eine Besonderheit stabiler Diktaturen. Eine Diktatur besteht nicht nur aus dem Diktator. Irgendwann wird sie getragen, weitergegeben, nachgesprochen, im Kleinen ausgeübt. Der Staat muss dann nicht mehr überall selbst zwingen. Menschen beginnen, einen Teil seiner Arbeit zu übernehmen.
Und genau dort wird Gravitation gefährlich – nicht weil alle erfasst werden. Im Gegenteil: Gerade diejenigen, die sich ihr entziehen, zeigen, dass sie weder Natur noch unausweichliches Schicksal ist. Es gab immer Widerspruch: eine Intelligenzija, Oppositionelle, Emigranten, Menschen, die schwiegen, ohne zuzustimmen, und andere, die offen widersprachen.
Russland war nie eindeutig.
Pepsi-Cola im Kommunismus. Westliches Kapital neben dem Doppeladler. Sowjetische Symbole neben orthodoxen Kreuzen. Sehnsucht nach Europa neben der Behauptung, Europa nicht zu brauchen. Zwei Adler, die in zwei Richtungen sehen.
Vielleicht passte gerade das. Widerspruch schwächte dieses System nicht unbedingt. Er vergrößerte seine Aufnahmefähigkeit.
Putin beseitigte diese Widersprüche nicht. Vielleicht war seine Herrschaft gerade deshalb so erfolgreich, weil sie selbst zum vollkommen gereiften Hybrid wurde: amorph, widersprüchlich, mehrdeutig genug, damit sehr verschiedene Menschen darin etwas Eigenes finden konnten.
Er musste nicht alle Menschen zu sich holen. Irgendwann kamen ihm genügend entgegen – und machten mit.
Still zunächst. Mit Zustimmung, wo Zustimmung gegeben wurde. Mit Anpassung, wo Anpassung genügte. Mit einem Satz am Küchentisch. Mit einem Achselzucken. Mit dem Gedanken, dass es schon richtig sein werde. Andere lauter. Mit Fahnen, Bildern, Liedern, Uniformen. Wieder andere erst dann, als sie glaubten, etwas verlieren zu können.
So muss Macht nicht jeden Menschen überzeugen. Es genügt, wenn genügend Menschen beginnen, in ihren Kategorien zu denken.
Unterwerfung, Anpassung, Beteiligung, Überzeugung – sie sind nicht dasselbe und führen auch nicht zwangsläufig eine zur anderen. Aber sie können ineinandergreifen, und aus ihnen kann Bereitschaft entstehen.
Dann findet ein Funke plötzlich Material.
Krieg ist dann nicht mehr nur etwas, das oben beschlossen und unten erduldet wird. Er kann oben begonnen werden und unten Menschen finden, die ihn tragen.
Vielleicht verlangt die vollkommene Macht deshalb gar nicht mehr, dass man sie verteidigt. Sie bringt Menschen dazu zu glauben, dass sie sich selbst verteidigen, wenn sie die Macht verteidigen.
Damit bleibt mir eine andere Frage als jene, mit der ich begonnen hatte.
Nicht mehr:
Warum sind sie so?
Sondern:
Wie weit kann Macht in einen Menschen eindringen, bis er sie nicht mehr als Macht erkennt, sondern als sich selbst?