DEMOKRATIE

Wir waren eingeladen, Natascha und ich.

Dnipro. 2002.

Wassily, ein Kunde, dem wir eine große Anlage geliefert hatten, hatte uns gebeten zu kommen. Während der Einschulung hatten wir viele Stunden miteinander verbracht.

Lange genug.

Er war uns sympathisch gewesen – offen, wach, einer, der wusste, wie die Welt draußen funktionierte.

Er und seine Frau Julia empfingen uns an der Tür. Noch bevor wir ganz eingetreten waren, kamen zwei Doggen auf uns zu. Schwer, ruhig, mit dieser Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel ließ. Sie stellten sich vor uns, nah, schnupperten uns ab. Langsam, gründlich.

Wir hielten still.

Es war nichts Bedrohliches darin.

Dann gingen sie weiter, als hätten sie entschieden, dass wir bleiben durften.

Blumen wurden überreicht, Konfekt stand schon bereit, die ersten Sätze waren leicht, fast eingeübt. Die Wohnung war großzügig, hell, alles an seinem Platz. Man sah, dass hier jemand angekommen war.

Wir setzten uns, es wurde eingeschenkt, Teller wurden gebracht.

Julia griff sofort ins Gespräch ein. Sie sprach schnell, mit Nachdruck, widersprach, wo es ihr nötig schien. Nicht zurückhaltend, nicht am Rand.

Im Hintergrund bewegte sich jemand durch die Räume, räumte ab, brachte nach.

Es lief.

Das Gespräch nahm seinen Lauf. Wir kannten uns noch nicht lange und redeten doch bald über Dinge, über die man gewöhnlich nicht beim ersten Besuch sprach.

Irgendwann blieb es an einem Wort hängen.

Demokratie.

Sie fragten mich, wie ich sie sehe, was ich erlebt habe. Ich fragte zurück, wie sie hier funktioniert, wie sie sich anfühlt.

„Man braucht einen Boden“, sagte Wassily. „Ein Fundament.“

Es sei noch nicht fertig.

Ich sah mich in der Wohnung um. Alles hier wirkte fest, wohlhabend, abgesichert. Im Hintergrund wurde abgeräumt und nachgeschenkt. Die Doggen lagen irgendwo im Raum.

„Du willst doch nicht sagen, dass Demokratie Geld braucht?“

Wassily lächelte kaum merklich.

„Wir lernen noch“, sagte er. „Unsere Schule war eine andere.“

Dann sah er mich an.

„Was hältst du von Demokratie?“

Ich nahm einen Schluck Wein, mehr um Zeit zu gewinnen als aus Durst.

„Unsere?“

Ich überlegte.

„Soziale Gerechtigkeit. Schutz von Minderheiten. Offenheit. Transparenz.“

Während ich sprach, wurde es still. Alle sahen mich an. Auch Natascha.

„Ist es das?“, fragte Julia.

„Nur das?“

Sie lehnte sich leicht nach vorne.

„Sie muss wachsen“, sagte sie. „Man kann sie nicht einfach einsetzen.“

Ich nickte.

„Und was ist euer Verständnis?“

Wassily antwortete nicht sofort. Er strich mit der Hand über den Tisch.

„Jedes Land braucht seine eigene Form“, sagte er dann. „Unsere Verfassung – man hat sie eine der besten genannt. Unser Fundament. Und endlich frei.“

Dann stand er überraschend auf.

Er ging zu seinem Sakko, das an der Wand hing, griff hinein und suchte kurz.

Er kam zurück und legte etwas auf den Tisch.

„Ich bin Deputierter“, sagte er.

„Gewählt.“

Ich sah ihn an.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Er setzte sich wieder und sprach weiter über die Verfassung. Immer wieder kam er auf sie zurück.

Ich sah Natascha fragend an.

„Warum ist die Verfassung so wichtig? Ist sie so etwas wie ein Rückhalt?“, sagte ich auf Deutsch, fast flüsternd.

Es war unangebracht, in Gegenwart der anderen die Sprache zu wechseln. Aber hier war es erlaubt.

Trotzdem: Wassily sah mich prüfend an. Fast streng.

Was war die Frage?

Ich wiederholte sie, nun etwas kleinlaut, auf Russisch.

„Warum ist die Verfassung für euch so wichtig?

Wassily überlegte kurz.

„Die Verfassung sagt nicht nur, was der Staat darf“, sagte er. „Sie sagt auch, was er nicht darf.“

Er ließ den Satz einen Moment stehen.

„Aber eine gute Verfassung ist noch keine Demokratie.“

Dann sah er mich an.

„Oder hast du schon einmal eine arme Demokratie gesehen?“

Ich schwieg kurz.

„Nein“, sagte ich leise. „Eigentlich nicht.“

„Also wieder Geld“, sagte Julia.

Ich sah sie an.

Mir schien, sie waren weiter als ich.