MATRJOSCHKA

Früher, in den neunziger Jahren, als ich noch zu den wenigen gehörte, die regelmäßig nach Kyjiw flogen, hätte ich fast alles mitbringen können. Uhren, Uniformen, Teegläser, Zuckerpäckchen der Eisenbahn – alles, was kyrillisch war, zauberte zu Hause ein Lächeln ins Gesicht.

Man musste nur über den Andrijiwskyj Uswis gehen. Auf kleinen Tischen lag alles ordentlich ausgebreitet. Bilder, Ikonen, Handarbeiten, Abzeichen, Orden. Manchmal hatte man den Eindruck, dort werde nicht nur verkauft, sondern auch gezeigt, wovon sich Menschen trennen mussten.

Matrjoschkas sah ich dort allerdings kaum. Vielleicht in staatlichen Souvenirläden oder im ZUM. Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls blieben sie mir nicht in Erinnerung. Seltsam eigentlich. Denn im Westen gelten sie bis heute fast selbstverständlich als Sinnbild russischer Kultur.

Anders als man glaubt, gibt es keine vorgeschriebene Zahl von Figuren. Fünf, sieben, zehn oder zwanzig – es spielt keine Rolle. Entscheidend ist nicht ihre Anzahl, sondern dass jede dieselbe Geschichte weitererzählt.

Ursprünglich soll die Matrjoschka Fruchtbarkeit, Familie und die Weitergabe des Lebens symbolisieren. Vielleicht deshalb wirkt es umso bemerkenswerter, dass sie heute für viele längst etwas anderes erzählt. Nicht die Geburt von Neuem. Sondern die Wiederholung des Immergleichen.

Mich haben diese Figuren nie angesprochen. Nicht weil sie hässlich wären. Sondern weil sie keine Überraschung zulassen.

Man öffnet die größte Figur und weiß bereits, was folgt. Immer dieselbe Form. Nur kleiner. Immer weiter nach innen. Das Geheimnis besteht nicht darin, was sich im Inneren verbirgt. Sondern darin, dass sich nichts verändert.

Vielleicht liegt gerade darin ihre eigentliche Symbolik.

Die Matrjoschka erzählt nicht vom Verborgenen. Sie erzählt von der Wiederholung. Jede Figur enthält nur die nächste Ausgabe ihrer selbst. Etwas kleiner. Etwas enger. Doch niemals etwas grundsätzlich anderes. Vielfalt entsteht nur als Staffelung derselben Form.

Mir erschien die Matrjoschka deshalb weniger ein Kinderspielzeug als ein Weltbild. Von außen wirkt sie wie Vielfalt. Tatsächlich reproduziert jede Schicht lediglich die vorherige. Sie besitzt keine eigene Geschichte. Keine eigene Gestalt. Keine eigene Logik. Sie bestätigt nur die größere Figur, aus der sie hervorgegangen ist.

Vielleicht erklärt diese kleine Holzfigur manches, woran ganze Geschichtsbücher vorbeischreiben.

Denn auch politische Ordnungen können so aufgebaut sein. Von außen erscheinen sie vielschichtig. Öffnet man jedoch ihre Hüllen, begegnet man immer derselben Denkweise. Der Staat enthält den Herrscher. Der Herrscher den Sicherheitsapparat. Dahinter stehen Geheimdienste, Bürokratie, Angst, Gehorsam. Und ganz innen findet sich nicht plötzlich Freiheit, sondern erneut dieselbe Ordnung, nur im kleineren Maßstab. Die Hierarchie. Die Folge.

Es beginnt dort, wo jede kleinere Einheit ihre Berechtigung nur noch aus der größeren ableitet. Wo der Einzelne dem Staat gehört, der Staat dem Imperium und das Imperium einer Idee von Größe. In einer solchen Ordnung gibt es kein wirkliches Außen. Nur Schichten.

Vielleicht deshalb kennt die Matrjoschka keine Nachbarn.

Was außerhalb liegt, erscheint nicht als eigenständig, sondern als unvollständig. Es wartet darauf, zur nächsten Schale zu werden, weil das Weltbild gar keine andere Möglichkeit vorsieht.

Vielleicht musste ich deshalb später oft an diese Holzfiguren denken, als die Annexion der Krim begann.

Denn die Krim war in dieser Logik nicht einfach ein fremdes Land. Sie war eine Figur, die aus russischer Sicht ihren Platz in der größeren Figur wieder einnehmen sollte.

Die Matrjoschka ist für mich längst kein Souvenir mehr.

Sie ist die leise Behauptung, dass jedes Leben nur Teil eines größeren Willens ist.

Und dass sich niemand selbst öffnen kann.