KOMMANDIROVKI
So nennt man Dienstreisen.
Ich habe mir das Wort angeeignet, lange bevor es für mich selbstverständlich wurde.
Kommandirovki bedeuteten Wochen. Straßen. Hotels, die sich ähnelten. Man reiste, um zu verkaufen, Beziehungen zu pflegen, gesehen zu werden. Nähe hatte einen Preis.
Poltawa war so ein Ort.
Poltawa ist eine gute Stadt, sagte man mir. Hier kommt man zur Ruhe. Nicht wie in Kyjiw, wo alles schlägt und pulsiert – hier atmet man.
Ich war nicht oft dort. Doch jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass hier etwas lag, das sich nicht erklären wollte. Kein West, kein Ost.
Einmal besuchte ich einen Kunden, den ich lange kannte.
„Komm nach Poltawa, ich zeige dir die Stadt.“
Ich wusste, was das bedeutete. Nähe. Und Nähe hieß bessere Preise. Ich nahm es in Kauf.
Es war ein goldener Herbsttag. Warm, klar. Die Farben lagen ruhig übereinander.
Taras kam, ein Hüne von einem Mann, fast wie ein Kosak. Seine Frau Oksana – schlank, schwarzhaarig, wach.
Wir gingen durch die Stadt. Er ging schnell, zu schnell.
„Langsamer“, sagte ich.
Er lachte.
„Wusstest du“, sagte er, „dass unsere Denkmäler oft offene Hände zeigen? In Russland sieht man eher die Faust.“
Ich sah hin. Und ließ es stehen.
Später standen wir in seiner Werkstatt. Vierzig Männer arbeiteten dort. Türen, Möbel, Holz. Alles lief. Alles offiziell. Maschinen, Kleidung, Ordnung.
„Das ist anders als in Donezk“, sagte ich.
Ich bereute es sofort.
Er sah mich ruhig an.
„Wir sind ein großes Land“, sagte er. „Bei euch gibt es auch Unterschiede. Oder nicht?“
Ich nickte.
„Ihr im Westen sucht immer Spaltung“, sagte er. „Als wäre die Ukraine geteilt.“
Eine Pause.
„Du darfst Unterschiede sehen“, sagte er dann. „Aber urteilen kannst du nur, wenn du hier geboren bist.“
Später saßen wir mit seinen Leuten am Tisch. Zwei Sprachen, Menschen aus Donezk und von der Krim. Niemand erklärte etwas. Es funktionierte einfach.
Rabatt gab es nicht.
Auf diesen Reisen begann ich, Städte anders zu sehen.
Tscherniwzi lag zwischen Hügeln und Geschichte. Fassaden, die eine andere Zeit sprachen.
Lwiw zeigte seinen Stolz offener.
Odessa lachte schneller.
Charkiw war schneller überhaupt.
Ushhorod lag am Rand. Still. Als wäre es schon halb woanders.
Kyjiw fehlte in dieser Reihe.
Nicht, weil ich nicht dort war. Kyjiw besuchte man nicht. Dort endeten die Kommandirovki oder begannen neu. Man war drin. Oder im Weg.
Je weiter man fuhr, desto mehr veränderte sich der Ton. Das merkte man an Gesprächen, daran, wie lange man zusammensaß, wie schnell man zur Sache kam. Manchmal wechselte die Sprache mitten im Satz.
Ich habe oft gehört, die Ukraine sei ein geteiltes Land. West gegen Ost. Europa gegen Russland.
Unterwegs wirkte das anders.
Die Unterschiede waren da. Menschen aus dem Westen arbeiteten im Osten, Menschen aus dem Osten lebten im Westen. Sprachen wechselten. Man fuhr hin und her.
Und je näher man Donezk kam, desto deutlicher wurden die Unterschiede.
Allein die Fahrt von Simferopol nach Donezk war ein Erlebnis.
Sechshundert Kilometer. Gerade Straßen, endlos. Felder voller Getreide und Sonnenblumen. Dazwischen schmale Baumreihen.
Und dieser Sonnenuntergang – schwer, flammend, so groß, dass man fast stehen bleiben musste.
Etwa zehn Kilometer vor der Stadt tauchten sie auf.
Rostrote Türme. Stahlwerke. Riesig. Stumm.
Die Hügel daneben, hunderte Meter hoch, waren Abraum aus den Schächten. Aufgeschüttet zu Bergen.
Als wir in die Stadt einfuhren, über klapprige Brücken, entlang breiter Prospekte, öffnete sich ein Bild zwischen Verfall und Stolz.
Donezk war nicht hoch, aber weit. Plätze, Fassaden, Inschriften. Alles wirkte gebaut für mehr, als es geworden war.
Straßenbahnen ratterten über müde Schienen. Beton wechselte mit Asphalt. Nichts war glatt. Alles in Gebrauch.
Dimitri war meist dabei. Geboren in Mariupol, kannte er die Gegend wie ein inneres Gelände. Er erklärte wenig. Aber wenn ich etwas falsch machte, merkte ich es sofort.
Geschäfte liefen dort direkter. Ein Handschlag konnte genügen. Nähe zeigte sich auch darin, dass man wiederkam.
Als ich das erste Mal dort war, erzählte man von der „Stadt der tausend Rosen“.
Ich sah Grau.
Staub auf den Autos am Morgen. Rohre über der Straße, dick, offen, die Isolierung in Fetzen. Dazwischen manchmal eine offene Flamme.
Nichts war versteckt. Alles lag da.
Viele Dörfer kannten nur eine Richtung.
Donezk.
„Was willst du dort?“, fragte mich einmal eine Frau. „Da ist doch die Mafia.“
Ich sah sie nicht.
Aber ich fuhr wieder hin.