KIRCHE UND DIE ZIGARETTEN
Im Zug entstanden solche Gespräche leichter. Man saß für Stunden zusammen, ob man wollte oder nicht.
Im Schlafwagen gab es diese stillen Rituale. Manche starrten aus dem Fenster, andere lasen, aßen, spielten Karten. Viele wirkten einfach erleichtert, nicht dort zu sein, wo sie sonst waren.
Man war unterwegs. Mehr nicht.
Ich rauchte. Also ging ich hinaus, durch den schmalen Gang, vorbei an geschlossenen Türen, bis zur Kupplung. Dort roch es nach Öl, Eisen, kaltem Rauch. Dann kam das Kalte, das Laute – und frische Luft.
Drei, vier Männer standen dort, rauchten und taten, als gehörten sie nicht zusammen.
Nach ungefähr einer Stunde erfasste mich wieder der Wunsch nach frischer Luft, wie ich es nannte.
„Sie gehen rauchen, schon wieder?“
Mein Liegenachbar war aufgestanden.
„Avstrijski?“
Er deutete auf meine Zigaretten. Westmarke.
„Darf ich mitgehen?“
Wir gingen rauchen.
Zurück im Abteil stellte er sich vor.
Vasyl.
Ein ruhiger Mann, um die fünfzig, schmal, gepflegt. Seine Kleidung verriet Ordnung. Seine Bewegungen Gewohnheit.
Er las.
Erst später sah ich, was.
Ein kleines Buch. Dünn. Billig gedruckt.
Religion. Das fiel auf. Jahrzehntelang hatte sie öffentlich kaum einen Platz gehabt. Und nun saß jemand im Zug und las offen darin.
Er sprach ruhig.
Er kam aus Lwiw. Unterrichtete. Reiste geschäftlich. Und verband es mit einem Besuch im Lavra-Kloster in Kiew.
„Sonst kann man sich das nicht leisten“, sagte er.
Wir redeten lange.
Über Arbeit. Über Reisen.
Und dann über die Kirche.
„Wissen Sie“, sagte er und sah aus dem Fenster, „in Russland hat die Kirche Zigaretten verkauft.“
Ich lachte.
„Gesegnete?“
„Nein“, sagte er. „Ganz offiziell.“
Er erzählte von den Neunzigern. Importlizenzen. Container. Geld. Und gleichzeitig Predigten.
Ich fragte nicht nach Details. Es war nicht nötig.
„Orthodoxe Kirchen sind nie übernational“, sagte er.
Er machte eine kleine Bewegung mit den Händen.
„Jede ist an ihr Land gebunden.“
Eine Pause.
„Und nennt es trotzdem Himmel.“
Die Schaffnerin kam herein, bot Tee an. Um ihren Hals ein schlichtes Kreuz.
Vasyl sah hin.
„Für viele ist es Schmuck“, sagte er leise.
Dann schwieg er.
Ich dachte an Nataschas Familie. Ikonen, aber kein Glaube. Ein Kreuz, wenn etwas geschah. Kirche zu Ostern.
Später legten wir uns schlafen.
Das Rattern der Räder. Sein Atem. Dunkelheit.
Am nächsten Tag besuchten wir die Lavra.
Mauern, Tore, Kuppeln.
Gesänge, die den Raum füllten. Für einen Moment schien alles stillzustehen.
Man verstand, was Menschen suchten.
Draußen schwarze Autos. Priester auf Ledersitzen. Gläubige, die zurückwichen.
Nicht der Glaube irritierte mich. Die Selbstverständlichkeit tat es.
Später sah ich einige von ihnen rauchen. Versteckt. Regelmäßig. Wenigstens das hatten wir gemeinsam