DER ZAUN

Wenn man spazieren ging – in Parks, in wohlhabenden Vierteln oder auch dort, wo man es nicht erwartet hätte –, stieß man immer wieder auf eines: einen Zaun. Meist hoch. Blickdicht. Und man wusste sofort: Hier wird gebaut.

In Europa entsteht gewöhnlich zuerst das Haus und erst danach der Zaun. Im Osten war es oft genau umgekehrt. Zuerst wurde das Grundstück, die Fläche, abgegrenzt. Der Zaun stand lange, bevor überhaupt zu erkennen war, was dahinter einmal entstehen würde.

Im westlichen Europa durfte man dem Entstehen zusehen. Der Zaun war am Ende oft nur noch Dekoration. Im Osten dagegen war er der Anfang von allem. Erst die Grenze, dann das Leben dahinter.

Selbst die Nachbarn sahen einen Neubau häufig mit Wohlwollen. Je höher der Zaun, desto mehr Geld. Sie wussten, dass die schweren Lastwagen die ohnehin schlechten Straßen zunächst weiter beschädigen würden. Ebenso wussten sie aber auch, dass sie anschließend meist asphaltiert wurden. Der neue Bauherr wollte schließlich nicht selbst im Schlamm stecken bleiben.

So erschloss ein einzelnes Haus oft nicht nur sein Grundstück, sondern gleich die gesamte Zufahrt. Aus seinem Eigeninteresse entstand bei den Nachbarn manchmal sogar Dankbarkeit. Ein kurzes Nicken, wenn er vorbeifuhr.

Natürlich galt das nicht immer. Aber eines fiel auf: Wer wohlhabend war, zeigte es häufig zuerst am Zaun. Was sich dahinter befand, sollte niemanden etwas angehen. Hohe Mauern, Überwachungskameras, Wachpersonal – alles schien darauf ausgerichtet, Abstand zu schaffen.

Ich fragte mich damals kaum, warum das so war. Es erschien mir selbstverständlich und zeigte mir nur, was mich hinter dem Tor erwarten würde. Gleichzeitig konnte ich nachvollziehen, dass Wohlstand auch Neid weckt. Manche kommen, um zu staunen. Andere, um zu stören.

Auch beim Bauen selbst ließ sich eine Eigenheit beobachten. Für anspruchsvolle Arbeiten wurden häufig Handwerker von weit her geholt – aus anderen Teilen der Ukraine, aus Moldau oder Usbekistan. Menschen mit großem handwerklichem Können und dem Willen, auch schwierige Aufgaben zu bewältigen. Lokale Betriebe spielten dabei oft nur eine untergeordnete Rolle.

Ich sah Häuser, die eher Palästen glichen. Und man zeigte sie mir. Auch von innen – als Referenz dessen, was möglich war oder noch entstehen sollte. Gewendelte Holztreppen mit aufwendigen Intarsien. Türen von einer Größe, durch die beinahe ein Traktor gepasst hätte. Blattgold an Decken und Wänden.

Manche dieser Häuser gehörten Politikern oder Unternehmern. Niemand machte daraus ein Geheimnis. Im Gegenteil. Handwerker zeigten mir die Fotos ihrer Arbeiten mit sichtbarem Stolz. Sie hatten Außergewöhnliches geschaffen. Gleichzeitig nannten sie Summen, die für mich kaum vorstellbar waren. Bezahlt wurde nicht selten in bar. Ich fragte mich, wer bereit war, solche Beträge für eine Treppe, eine Tür oder eine vergoldete Decke auszugeben.

Dieselben Tischler, die voller Bewunderung von ihrer Arbeit erzählten, berichteten manchmal auch von ihren Auftraggebern. Je größer das Haus, desto weniger schien es manchmal nur ein Ort zum Wohnen zu sein.

Vieles wirkte überdimensioniert. Das Haus sollte sichtbar machen, dass sein Besitzer es geschafft hatte. Nach Jahrzehnten, in denen Besitz wenig bedeutete oder jederzeit wieder verloren gehen konnte, wurde Wohlstand selbst zur Sprache. Man zeigte ihn nicht nur anderen. Man bestätigte ihn auch sich selbst.

Freunde, die hier auf der Krim selbst bauten, zeigten mir oft Häuser, die jede Vorstellung sprengten. Sechshundert, siebenhundert, manchmal achthundert Quadratmeter Wohnfläche. Hier das Schwimmbad. Dort der Billardraum. Gästezimmer in mehrfacher Ausführung. Räume für Personal, das es oft nie geben würde.

Das Bauen selbst war für jene, die es geschafft hatten, vergleichsweise günstig. Die eigentlichen Kosten kamen erst später. Heizung, Instandhaltung, Personal, laufende Reparaturen. Was als Symbol des Erfolgs begonnen hatte, wurde mit den Jahren oft zur Last.

Besuchte man dieselben Menschen zuvor in ihren kleinen Wohnungen, verstand man ihren Wunsch. Es war, als wollten sie endlich Luft holen. Platz war nicht nur Komfort, sondern Freiheit. Nach Jahren der Enge sollte plötzlich alles möglich sein.

Dass wir in Westeuropa oft mit 120 oder 130 Quadratmetern zufrieden waren, erschien vielen unverständlich.

Jahrzehnte später standen viele dieser Häuser weitgehend leer. Die Kinder lebten im Ausland oder hatten längst eigene Wege eingeschlagen. Übrig blieb ein Gebäude, das für eine Zukunft gebaut worden war, die nie eingetreten war.

So entstanden ganze Viertel. Abgeschirmt. Unter sich. Mit eigenen asphaltierten Straßen zu hohen Zäunen, während wenige hundert Meter weiter Menschen nach jedem Regen durch den Schlamm wateten.