WAS MAN NICHT ALLES TUT

1996 war es auf der Krim schwierig, irgendwo etwas zu lesen oder zu hören, das nicht russisch war.

Kiew war weit weg. Mit dem Zug achtzehn Stunden über Nacht, mit dem Flugzeug eineinhalb bis zwei Stunden, je nach Wetter und Pilot. Mit dem Auto fuhr diese Strecken nur, wer das Abenteuer suchte.

Freunde brachten manchmal Zeitungen mit. Die Kyiv Post auf Englisch, gelegentlich sogar ein Handelsblatt. Solche Zeitungen wurden nicht einfach gelesen. Sie wurden herumgereicht.

Internet gab es noch nicht. Die ersten Internetcafés kamen bei uns erst gegen Ende der neunziger Jahre. Sie waren ständig voll, und an den Computern saßen vor allem Spieler. Für mich war das schwer zu begreifen. Wir hatten in Österreich schon 1994 eine Website gehabt. Und hier saß ich plötzlich in einer Welt, in der selbst eine Zeitung aus Kiew etwas Mitgebrachtes war.

Wie weit weg ich mich manchmal fühlte, merkte ich an Kleinigkeiten.

Wenn im Fernsehen Kommissar Rex lief, russisch übersprochen, konnte man darunter manchmal noch leise den deutschen Originalton hören.

Ich hörte hin wie ein Verdurstender.

Irgendwann reichte es mir. Immer mit dem Langenscheidt in der Hand. Nur mit Natascha ging es leichter.

„Wir fahren zum Radiomarkt.“

Links lag die kleine Kirche mit dem Friedhof dahinter. Ich kannte sie. 1995 war ich dort Taufpate bei der Taufe von Slaviks Tochter gewesen. Weiter den Weg hinauf standen verrostete BTR, eine Art gepanzerter Mannschaftswagen. Dutzende. Vielleicht waren es hundert.

Schon vor dem Eingang standen kleine Buffets und Kioske. In den Fenstern klebten die Marken dessen, was es zu kaufen gab.

Kaffee?

Ja.

75 Kopeken.

Wasser, etwas Strom und ein Heizstab. Mehr brauchte es offenbar nicht.

Der Radiomarkt war eine eigene Welt. Ohne Überdachung. Schotter. Ob es kalt war oder regnete, spielte keine Rolle. Verkäufer und Käufer standen immer da.

Ein paar Schritte weiter begann die Technik. Vielleicht vierzig Stände, zusammengeschweißt aus Stahlprofilen und verbogenen Blechen. Sie standen im Kreis, und irgendwie ging man wie von selbst von links nach rechts an ihnen entlang.

Manche waren schief, manche notdürftig abgestützt. Die Waren lagen auf den Tischen, davor, darunter, übereinandergestapelt. Transformatoren, Dioden, Kabel, Schalter, Platinen. Vieles lose, manches in kleinen Schachteln, anderes einfach auf einem Stück Karton.

Ein Paradies für Bastler.

Dann kamen die Radios. Jemand hatte sich darauf spezialisiert.

Ich blieb stehen.

„Ich suche einen Weltempfänger.“

Einer der Verkäufer zeigte mir ein Gerät.

„Deutsche Qualität.“

Das Ding wog bestimmt drei Kilo.

Das genügte mir beinahe schon.

Ich kaufte es und fuhr nach Hause. Am Abend saß ich da, drehte vorsichtig am Regler und suchte zwischen Rauschen und fremden Stimmen.

Und plötzlich war da Ö1.

Ich weiß noch, was das für eine Emotion war. Eine Stimme aus Österreich, aus diesem kleinen Radio, mitten auf der Krim.

Natascha und ihre Mutter sahen mich manchmal an, als hätten sie ein wenig Mitleid mit mir. Wahrscheinlich verstanden sie nicht ganz, warum ein erwachsener Mann so glücklich sein konnte, weil aus einem Kasten jemand Deutsch sprach.

Ein paar Jahre später kam tatsächlich das Internet. Es erleichterte nicht nur den Zugang zur Welt, es machte auch unsere Arbeit billiger. Unser Faxverbrauch sank um mehr als die Hälfte. Schon deshalb war das eine Erlösung. Faxrollen waren nämlich auch so eine Sache.

Manchmal gab es sie.

Manchmal nicht.

Als wir später in unsere neue Wohnung umzogen und das Büro gleich mitnahmen, wussten wir deshalb ziemlich genau, was wir wollten. Diesmal kein neunstöckiges Paneelhaus. Es war ein zweistöckiges Haus mit gerade einmal zwölf Wohnungen.

Und am Radiomarkt war inzwischen etwas Neues aufgetaucht: Satellitenschüsseln.

Ich fragte nach.

Europa?

Der Verkäufer holte jemanden dazu. Der kam aus seinem Stand, begrüßte mich und wiederholte die Frage.

„Europa?“

Dann sah er mich an.

„Nemezki?“

„Ja.“

Er fragte, wo ich wohnte.

Dort und dort. Ich erklärte es ihm genau.

Der Mann überlegte.

„Da ist eine Senke. Der Hügel schirmt vieles ab.“

Noch einmal überlegte er.

„Ja, das geht.“

Wie groß müsste die Antenne sein?

„Zwei Meter.“

Dann sah er mich etwas unsicher an.

„So etwas hat hier niemand. Das kostet fast 700 Dollar.“

Na und?

Wir handelten.

600 Dollar.

300 jetzt, 300 wenn alles funktioniert.

Er war einverstanden.

Wenig später kam ein Trupp von sechs Männern. Sie schweißten auf dem Dach eine Konstruktion zusammen, bei der man den Eindruck hatte, sie müsse dort für immer stehen.

Dann montierten sie die Schüssel.

Wir schalteten den Fernseher ein.

ZDF.

BBC.

ORF.

Alles da.

Ich hätte fast geweint.

Der neue Fernseher, damals natürlich noch mit Röhre, lieferte ein erstaunlich scharfes Bild.

Plötzlich war Europa nicht mehr achtzehn Zugstunden entfernt.

Es kam vom Dach.

Einmal bekamen wir sogar Besuch wegen der Antenne. Was das sei. Warum sie so groß sei. Ob wir hier vielleicht ein Spionagenetzwerk betrieben.

Ich erklärte es.

Man lächelte.

Im Nachhinein war diese Abgeschiedenheit vielleicht gar nicht so schlecht. Ich lernte schneller Russisch.

Der Langenscheidt wurde irgendwann seltener.

Die Satellitenschüssel steht bis heute.

Das Dach hat inzwischen Schäden.

Die Antenne hält.