VOM PRÜFEN UND VOM WEDELN

In den ersten Jahren gab es nur Märkte.

Große Hallen, mitten in der Stadt, an Kreisverkehren wie Festungen des Alltags. Wer den Direktor kannte, lebte gut: keine Schlangen, die beste Ware, manchmal bis vor die Haustür gebracht.

Davor standen die anderen. Alte Frauen, ein paar Männer, Bananenkisten, Socken, Messer, Blumen in emaillierten Eimern.

Man musste an ihnen vorbei.

Draußen zeigte man, wie wenig es gab.
Drinnen, wie viel möglich war.

Am Eingang die Valutastände. Kurse, die mehr verrieten als Zahlen. Und Gerüchte, die schneller wechselten als Geld.

Dann das Tor. Im Winter schwer, im Sommer weit offen.

Und dahinter diese Luft.

Gerüche, Stimmen, ein Druck, der einen kurz stehen bleiben ließ.

Ich war noch nicht ganz im Raum, da sprach mich jemand an.

„Unser Stand ist der beste.“

Leise. Fast vertraulich.

Ein Blick zur Seite.

„Die da mischen Wasser ins Fleisch.“

Ich ging weiter und wusste: Das hier war kein Gespräch.

Zwischen den Reihen riefen andere ihre Preise aus, als ginge es nicht um Geld, sondern um Überlegenheit. Jeder Stand gleich breit, drei Meter, wie abgemessen. Und überall diese Geräte, die ich nur vom Hörensagen kannte.

Abakusse.

Holz, glattgerieben von Händen. Perlen, die mit einem schnellen Ruck verschoben wurden. Ein Schnalzen, ein Klacken, immer wieder. Der Sound des Marktes.

Noch bevor ich die Münzen zählte, stand das Ergebnis fest.

Weiter hinten der Hackstock. Das dumpfe Schlagen des Beils, ein eigener Takt im Stimmengewirr.

Reihen von Eiern, halb geöffnet, damit man den Dotter sehen konnte. Man roch daran. Fischmehl war billiger als Korn.

Butter in schweren Blöcken. Smetana in alten Flaschen.

Ich blieb vor einem Honigstand stehen.

„Nein, hier nicht“, zischte die Schwiegermutter sofort.
„Der mischt Zucker hinein.“

In diesem Zischen lag mehr als Warnung. Es war Wissen. Und Stolz.

Ein paar Schritte weiter:

„Hier, meine Damen – Nüsse, die man knacken kann.“

Die Frauen lachten. Der Preis war schon halb verhandelt.

So ging es weiter. Kein Stand für sich. Jeder hatte einen Gegner. Je schlechter der andere, desto besser wirkte die eigene Ware.

In der Mitte eine Frau, erhöht auf einer Pyramide aus Früchten und Gewürzen. Farben, die blendeten. Preise, die man nicht fragte.

Hinter den Ständen fast nur Frauen. Präsenz, die nicht erklärte, sondern trug.

„Die Jungen?“, sagte meine Schwiegermutter und sah zu einer jungen Verkäuferin.
„Schön anzusehen. Aber mehr auch nicht.“

Die ältere Verkäuferin lachte trocken.

„Den Blick, den Griff – das lesen nur wir.“

Ich kaufte bei der Jungen.

Ein Blick meiner Schwiegermutter.

Ein stilles Lächeln der Verkäuferin.

Weiter vorn ein Priester. Schwarzes Gewand, langer Bart. Menschen machten Platz. Der Händler richtete sich auf, als hätte er Segen empfangen.

Später ein alter Mann mit Kartoffeln. Hinter ihm ein Foto, verblichen.

„Seit dem Zaren“, sagte er, „pflügen wir dieses Land.“

Als wir zahlten, strich er die Scheine über die übrigen Säcke. Langsam. Wie ein Segen.

Drei Minuten später sah ich ihn wieder.

Er wedelte erneut. Ich musste lächeln.

Mit der Zeit begriff ich, dass es hier nie nur um Ware ging. Wer kaufte, prüfte auch den Menschen gegenüber. Den Blick, die Stimme, die Haltung. Man wusste irgendwann, bei wem man stehen blieb und bei wem man weiterging.

Ich sah es immer wieder: Geld wurde nicht übergeben, sondern geworfen. Kein Dank. Kein Blick. Auch das gehörte dazu.

Jeder Stand hatte seine Geschichte. Herkunft, Familie, Frische. Man hörte sie, glaubte manches, anderes nicht, und kam trotzdem wieder.

Wer lange genug dort war, lernte die Zeichen. Wann ein Preis noch fiel, wann er feststand. Wann man besser weiterging.

Ich lernte schnell, wo die besseren Tomaten lagen, wer ehrlich wog und wer betrog. Irgendwann tat ich dasselbe wie alle anderen. Ich prüfte, verglich, ging noch einen Stand weiter, auch wenn ich längst gefunden hatte, was ich brauchte.

Vielleicht kam das noch aus einer Zeit, in der man nehmen musste, was überhaupt da war. Jetzt war mehr da. Das Prüfen blieb.

Auf dem Land gab es oft nur einen kleinen Laden. Ein Raum, zwei Regale, eine nackte Glühbirne.

Keine Rufe. Kein Feilschen. Man nahm, was da war. Ich kaufte Wasser, zahlte und ging. Draußen war es still.

In Lwiw war es anders.

Kompakter. Lauter. Fast wie ein Wohnzimmer. Die Stimmen heller, schneller. Cafés zwischen den Ständen, kleine Tische, Gespräche vor und nach dem Einkauf.

Hier wurde gehandelt, aber anders. Leichter.

Einige Märkte lebten schon von Besuchern. Zwiebeln sauber gebündelt, fast zu schön. Geschichten von Feldern „gleich dahinter“. Preise, die sich je nach Kennzeichen änderten.

Auch das gehörte dazu. Weniger hart, mehr Inszenierung.

Dann kamen die Supermärkte.

Kein Feilschen mehr. Kein Prüfen. Die Waagen digital, die Verkäuferinnen jung und freundlich.

An der Kasse kein Wedeln mehr.

Nur ein leises Piepen.