00 EROSION VORWORT

2014 begannen die Verschiebungen, leise zuerst, dann spürbar. Brüche, die nicht immer als solche erkennbar waren. 2019 bin ich gegangen. Schon aus Kiew. Und Nicht ganz. Geblieben sind Räume, Küchen, Stimmen. Gesichter, die sich nicht entscheiden mussten – und es doch taten. Sätze, die stehen geblieben sind.

Manches habe ich verstanden. Das meiste erst später. Einiges gar nicht. Was bleibt, sind Bilder. Nicht geordnet, nicht vollständig, aber sie tragen. Ich schreibe sie auf, weil sie sonst verschwinden.

Ich habe nicht versucht, diese Erfahrungen zu ordnen, wo sie sich nicht ordnen ließen. Nicht zu erhöhen, nicht zu erklären. Was ich gesehen habe, gehört mir nicht allein. Es ist so geschehen. Wahrheit war kein Besitz, eher ein Streitfall. Sie entstand im Gespräch, in Küchen, im Bus, auf dem Markt, vor Bildschirmen – zwischen dem, was gesagt wurde, und dem, was daneben stand. Gerüchte waren oft schneller als Nachrichten, und Bilder verdeckten, was gleichzeitig geschah. Man lebte nebeneinander, nicht immer miteinander.

Dieses Buch will nichts erklären. Es hält fest: Momente, Stimmen, Nähe und Distanz. Vielleicht ist darin eine Spur von Wahrheit. Vielleicht nur ein Echo. Beides genügt. Wer erzählt, setzt sich aus – dem Zweifel, dem Vorwurf der Subjektivität. Doch Schweigen wäre einfacher. Und falscher. Ohne Erzählung bleibt, was lauter ist.

Währenddessen veränderte sich etwas. Nicht abrupt, eher wie ein Verschieben der Luft. Gespräche wurden kürzer, Blicke ausweichender, manches wurde nicht mehr gesagt. Ich habe nicht alles verstanden. Manches erst später, manches gar nicht. Auch das gehört dazu.

Was von außen kam, blieb nie außen. Es drang ein – über Bilder, über Stimmen, über Schweigen. Und oft schien: Je sicherer man sich gab, desto weniger wurde verstanden. Vielleicht wäre Unsicherheit ehrlicher gewesen. Auch wir im Westen waren nicht frei davon. Vieles galt als selbstverständlich, solange es nichts kostete. Erst als es geprüft wurde, zeigte sich, wie wenig davon getragen hat.

Ich habe darauf keine Antworten. Nur Erfahrungen. Und das Wissen, dass Erzählen kein Abschluss ist, sondern ein Anfang. Erinnerung ist nichts Festes. Sie muss gehalten werden – ohne Gewissheit, ohne Zynismus. Nicht, um recht zu behalten, sondern um eine Sprache zu bewahren, in der man einander noch erreichen kann. Mehr ist es nicht.