UNSER WEG, UNSERE KUNDEN
1993 gründete Natascha ihre Firma. Nicht aus Kalkül. Aus Trotz. Aus Stolz. Und als Frau etwas, das damals beinahe ungehörig war. Man hatte ihr die Prämien verweigert. Also ging sie. Und begann etwas Eigenes.
1996 unsere Abmachung. Sie brachte die Kunden. Ich setzte sie um. Zwei Rollen, ein Weg. Sie schrieb, überzeugte, warb. Ich verhandelte, holte Angebote ein, kürzte Verträge auf das Nötigste. Denn Verträge waren der Schlüssel. Ohne sie blieb jedes Geld nur Zahl. Niemand lieferte auf offene Rechnung. Vorkasse war Regel. Ins Ausland zu hundert Prozent.
Dazwischen: Reisen, Visa, Sprache, Zeit. Und immer die Frage, wer währenddessen daheim den Betrieb hielt.
Bei uns summten die Leitungen. Das Faxgerät surrte. Ein Tag fraß eine Rolle Papier. Bald lagen die Bahnen wie weiße Teppiche auf dem Boden – und darauf unsere Geschäfte.
Unser Vorteil war banal. Wir konnten Verträge schreiben. Zweisprachig. Belastbar für Bank und Zoll. Wir übersetzten Risiko. Manche Banken erkannten das am Ton. Türen gingen auf.
Dann kam das Gesetz. Direktimporte galten als Investition. Mehrwertsteuerbefreit. Ein Fenster in der Zeit.
Und meine Präsenz – dort, wo Zahlen entschieden wurden. So entstand ein einfaches Modell. Zehn, manchmal fünfzehn Prozent. Geld floss. Kam an. Wurde geteilt.
Unsere Kunden rochen nach Holz. Werften. Möbelkombinate. Wir lieferten, was sie verlangten. Platten. Lacke. Maschinen. Wenn nötig, reisten Monteure mit. Wir erklärten. Übersetzten. Jede Seite ein Geschäft. Und wir lernten. Zuhören wurde Wissen.
Man vertraute uns, weil wir pünktlich waren. Und weil wir den vereinbarten Anteil nie vergaßen. Manchmal im Hinterhof übergeben. Es lief. Manchmal verkauften wir auch das Nichts.
Die ganz großen Geschäfte blieben mir fremd. Wie ein Film, den man sieht, ohne mitzuspielen. Aber ich sah, wie sich etwas verschob.
Slavik war einer von denen, die nicht laut waren. Autolackierer. Schmächtig. Als er neue Fenster brauchte, rechnete er. Dann rechnete er noch einmal. Und baute sie selbst. Er verkaufte seinen Lada. Kaufte Werkzeug. Begann. Seine Fenster waren still. Präzise. Bestellungen kamen. Zehn Jahre später führte er fast hundert Leute. Perfektion war keine Idee. Sie war Bedingung. Und Slavik blieb Slavik.
Senja war anders. Ungeduldig. Schnell. Er begann mit Plastiksäckchen. Verkaufte, bis es für die erste Maschine reichte. Dann für die nächste. Wer wartete, verlor. Senja wartete nie. Später Anzüge, Empfangsdamen, Restaurants. Und doch blieb er derselbe. Gleiche Stimme. Gleicher Blick. Er wusste, was es kostete, das alles zu halten.
Roman machte Möbel. Weiche. Er importierte, bis ihm der Transport zu schwer wurde. Eine Maschine musste her. Wissen. Wir fuhren in die Schweiz. Drei Tage. Drei Stangen Zigaretten. Ein Hotelzimmer. Ein Bett. Roman kaufte. Probierte. Baute. Vier Jahre später expandierte er. Übergab schließlich den Betrieb den Söhnen. Vielleicht sitzt man heute auf einem seiner Sofas.
Julia eröffnete mit zweiundzwanzig ihren Salon. Friseurin. Erspartes. Sie erfand Atmosphäre. Ihre Schwester Maria baute eine Praxis auf. Sauber. Ruhig. Erfolgreich. Sichtbarkeit kam. Und mit ihr der Druck. Unternehmen zu führen hieß, ständig erreichbar zu sein. Prüfungen. Unterbrechungen. Präsenz. Erfolg machte sichtbar. Und Sichtbarkeit angreifbar. Julia ging. Heiratete. Kinder. Thailand. Maria blieb länger. Arbeitete. Kämpfte. Verlor schließlich die Praxen. Verkauft. Überschrieben. Frieden fand sie nicht.
Slavik. Senja. Roman. Julia. Maria. Sie begannen klein. Sie riskierten alles. Sie wuchsen in einem Land, das ihnen zugleich den Boden entzog.
Nichts war geschenkt. Jeder Schritt verdient.
Man musste nicht nach Russland reisen, um es zu sehen.
Es genügte zuzuhören. Oder die Bilder im Fernsehen zu betrachten.
In den Städten Bewegung. Glas. Läden. Geld.
Draußen Stillstand. Dörfer, in denen nichts mehr wuchs.
Wer konnte, ging. In die Stadt. Oder fort.
Wer blieb, blieb zurück.
Nur das Große wuchs. Gesponsert. Verteilt. Aufgeteilt.
Man sprach über uns. Spätestens nach dem ersten Maidan.
Alte Sicherheiten lösten sich. Netzwerke auch.
Besitz hatte begonnen, Wurzeln zu schlagen.
Und was Wurzeln schlägt, verteidigt sich.
Joer jedoch wirkte die Wirtschaft anders.
Nicht geordnet. Aber lebendig.
Dinge wurden besser. Nicht immer gerecht. Aber greifbar.
Man sprach darüber. Man stritt. Man lachte über sich selbst.
Russische Satiriker spielten darauf an. Vorsichtig.
„Bei euch kann man reden“, sagten sie.
„Ihr habt gut lachen. Ihr seid weit weg.“
Wir nahmen es als Kompliment. Vielleicht war es auch eine Warnung.
Es war kein Gedanke, eher ein Gefühl. Subtiler Neid. Nicht auf Macht oder Politik – sondern auf jene Mitte, die wuchs und blieb.
Während Russland zwischen Staat, Geschäft und Gewalt schwankte,
entstand hier etwas Eigenes. Unkontrolliert. Unberechenbar.
Vielleicht war es genau das, was man dort nicht zulassen wollte. Und darin lag Respekt. Durchzogen von Angst.
Angst vor der eigenen Courage.
Vielleicht war es nur mein Blick. Geschäft. Macht. Nähe.
Schatten auf Gesichtern.
Ich wusste nur: Man spürt in solchen Momenten mehr, als man denkt. Noch kein Schlag. Aber die Hand tastete bereits nach dem Stein.
Viele russische Geschäftsleute kamen. Kauften Häuser. Grundstücke. Hotels. Touristen auch. Geld kam. Bewegung. Sogar Schiffe aus dem Ausland legten an.
Einmal saßen wir in Jalta, im Strandcafé Apelsin. Natascha. Die Kinder im Wagen. Apfelsinen auf dem Tisch. Jazz im Hintergrund. Orange Sofas. Eine neue Zeit, die sich selbst betrachtete.
Ein Mann blieb stehen, zeigte auf uns und sagte auf Deutsch:
„Schau, wie sich die neuen Russen hier erholen.“
Ich antwortete:
„Wie ihr mit Handtuch auf Mallorca.“
Er erschrak. Und ging.
Ich blieb sitzen. Das Meer rauschte. Jazz lief. Die Kinder schliefen.
Für einen Moment schien alles möglich.