SIMFEROPOL – UNSER ORT
Von uns aus, hier im Zentrum – in Simferopol, der „Stadt der Bienen“, damals rund 250.000 Einwohner –, konnte man in ein bis zwei Stunden mit dem Auto fast jeden Ort erreichen.
Die Krim lag offen vor uns, erreichbar, greifbar.
Nach Jalta führte die Straße in endlosen Kurven durch Wälder, hinauf bis auf fast anderthalbtausend Meter. Dann öffnete sich plötzlich die Sicht, und man glitt hinunter zum Meer wie auf einem Boot, das von einer Welle getragen wird. Wer weiter nach Sewastopol fuhr, folgte der Küstenlinie, und manchmal war es, als läge nicht die Krim vor einem, sondern die Côte d’Azur. Nach Bachtschyssaraj rollte der Wagen eben dahin, ebenso nach Jewpatorija – breite Straßen, links und rechts die Steppe, die atmete, und Felder, die Farbe trugen.
Unser Haus lag direkt an der Straße nach Jalta. Wer von Norden kam, aus dem Landesinneren oder von Kiew, hatte nur drei Wege in den Süden – und wir wohnten an dem wichtigsten: der Regierungstraße. Zum Zentrum waren es fünf, höchstens zehn Gehminuten, je nachdem, ob die Hitze drückte oder die Kälte die Schritte beschleunigte.
Links von uns, keine fünfzig Meter entfernt, stand ein tatarisches Denkmal. Ein Stück weiter das Gerichtsgebäude, gelb und streng, berüchtigt irgendwie, wie wohl jedes Gericht der Welt. Direkt gegenüber ein tatarisches Restaurant, aus dessen offener Tür im Sommer der Duft von frisch frittierten Tscheburek in die Straße zog.
Hinter dem Haus floss der Salgir, ein schmaler, schimmernder Fluss, der selbst im Hochsommer die Luft bewegte, sodass man atmen konnte. Wir saßen oft im Garten, ließen die Sonne auf die Haut, während die Kinder spielten und die Schwiegermutter Schaschlik über glühender Kohle wendete. Hier wohnten wir – und hier hatten wir unser Büro. Es wurde zu einem Treffpunkt, für Freunde, die sehen wollten, was wir aus diesem Ort gemacht hatten.
Die Stadt selbst war nie still. Autos drängten durch die Kreuzungen, Busse und Marschrutkas hielten mit einem Rucken, Türen klappten, Motoren liefen im Stand. Auf den Märkten riefen Händler durcheinander, Metall klirrte, Kisten wurden geschoben, Stimmen prallten aufeinander. Ein gleichmäßiges, alltägliches Geräusch, das nicht störte, sondern trug – wie ein Grundrauschen, an das man sich gewöhnte, bis man es vermisste, wenn es fehlte.
Und doch gab es Orte, an denen man das alles abstreifen konnte. In den Parks, im kleinen Grün entlang des Flusses, unter alten Bäumen, hielt man die Stille wie einen Sommermantel um sich. Sie lag nicht schwer auf den Schultern, sondern leicht, fast kühl, als hätte die Stadt selbst beschlossen, kurz leiser zu werden.
1999 kauften wir zwei Wohnungen. Stück für Stück kamen weitere dazu, im selben Eingang, bis wir fast den ganzen Abschnitt in Händen hielten. Wir begannen zu reparieren, legten die alten Muschelsteine frei – fünfzig Zentimeter dick, das beste Baumaterial, das man sich auf der Krim vorstellen konnte. Es hielt die Hitze draußen, die Kühle drinnen, und schenkte den Räumen ein Klima, das man anderswo teuer bezahlen musste.
Wir zogen einen Zaun aus Ziegeln, legten Rasen an, setzten alles neu. Die Fassade strichen wir in warmem Gelb, mit weißen Faschen, die Fenster ersetzten wir durch neue mit grünen Rahmen. Wir investierten so viel Geld, dass es uns fast zerriss. Jede Hrywna, jeder Dollar floss hinein – selbst, wenn er mit zwanzig Prozent im Monat verzinst war und in einer Stunde geliefert wurde.
Manche fragten uns, warum wir das taten. Warum nicht alles ins Geschäft stecken, in Maschinen, in Wachstum. Wir wollten leben – und hielten dennoch die Balance. Damals floss das meiste Geld in Autos oder in Betriebe, in Rendite und Marktanteile.
Dass sich der Wohnungsmarkt der Stadt innerhalb von zehn Jahren vervielfachen würde, ahnte niemand. Am Ende war es Nataschas Instinkt, dieses leise, unbeirrbare Gespür, das sie hatte, wenn andere noch zögerten. Eine innere Kompassnadel, die den Kurs zeigte, lange bevor die Karte gezeichnet war.
Mit den meisten Nachbarn lief es gut. Sie sahen, dass wir etwas machten, etwas schufen. Eine blieb schwierig. Anklagen, Drohungen, Erpressungsversuche – wir hielten durch. Am Ende blieb eine unglückliche Frau, die von allen forderte, aber selbst nichts gab. Es fühlte sich an wie das Tal einer Welle, auf der wir sonst so sicher glitten. Gewisse Stellen, gewisse Ämter wussten, was im Hintergrund lief. Ausländer, Geld, Misstrauen – das übliche Raunen. Irgendwann war damit Schluss.
Wir produzierten und verkauften Maschinen unter Lizenz, dazu Werkzeuge für die Holzbearbeitung, und anderes mehr. Wir boten Arbeit für fünfundzwanzig Menschen. Ganz offiziell. Das war uns wichtig. Wir fuhren Hammer und einen alten Jaguar mit der Katze vorne. Wir verdienten gut und arbeiteten viel – mehr, als viele von außen ahnten.
Simferopol war Handelsstadt, eingebettet in einen grünen Gürtel aus Feldern und Obstgärten. Gleichzeitig politisches Zentrum – mit Parlament, Zentralbank und eigener Flagge, die der russischen sehr ähnlich sah. Alles nur wenige Minuten von uns entfernt.
Ich interessierte mich nicht für Politik, aber ich hörte zu. Was ich im lokalen Fernsehen sah oder in Gesprächen aufschnappte, stieß mir oft bitter auf. Einige kannte ich persönlich: Kommunisten, die das alte Feuer schürten; Reformer, die weder wollten noch konnten; Männer, die erst im Gefängnis gesessen hatten und später Deputierte wurden; Gestalten in langen Mänteln, selbst an warmen Herbsttagen.
Und doch war dies unser Ort. Alltag, Arbeit, Garten, Kinderlachen.
Ein Leben, das sich eingerichtet hatte – ohne zu ahnen, wie fragil Einrichtung sein kann.