DIE WEITERGABE


In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion fiel mir irgendwann ein kleines Detail auf.

Man stieg in eine Maschrutka, oft mit schweren Taschen oder Einkäufen in der Hand, wollte sich zuerst irgendwo hinsetzen, ehe der Wagen wieder anruckte, und irgendwann wurde man von hinten an der Schulter angestupst. Ich drehte mich zuerst irritiert um, bis ich verstand, dass ich das Fahrgeld weiterreichen sollte. Nach vorn. Zum Fahrer.

Fremdes Land, dachte ich. Ich bin hier Gast. Also reichte ich das Geld weiter.
Und nicht nur ich. Auch die Reihen vor mir. Selbst wenn dazwischen ein Platz leer war, stand jemand auf, nahm das Geld, gab es weiter, wortlos, ohne zu zögern, als wäre der ganze Kleinbus ein einziger Körper mit vielen Händen.
Damit nicht genug.

Das Restgeld kam auf demselben Weg zurück.
Ich hasste das.

Nicht offen. Nicht sofort. Aber innerlich. Warum hatte der andere sein Kleingeld nicht vorbereitet? Warum musste jetzt der halbe Bus seine Unordnung ausgleichen? Warum wurden wir alle gezwungen, seine Bequemlichkeit mitzutragen?

Erst später begriff ich, dass mich vielleicht nicht seine Faulheit störte, sondern etwas anderes: eine Selbstverständlichkeit, die mir fremd war.
Alle machten den Staffellauf der Münzen mit.

Niemand fragte, ob er zuständig sei. Niemand erklärte den Ablauf. Niemand bedankte sich. Niemand beschwerte sich. Das Geld ging nach vorn. Das Restgeld kam zurück. Für einen kurzen Moment wurde Vertrauen nicht erklärt, sondern einfach weitergereicht.

Mich irritierte das jahrelang, bis auch ich irgendwann automatisch danach griff ohen mich umzudrehen, sobald sich eine Hand mit Geld zwischen den Sitzen zeigte.

Vielleicht, weil darin mehr sichtbar wurde als nur eine improvisierte Form des Bezahlens.
Die Maschrutka funktionierte nicht wie ein westlicher Bus mit Automaten, klaren Abläufen und Distanz zwischen Fahrer und Fahrgast. Sie funktionierte über Menschen. Über kleine wortlose Übergänge, die niemand organisierte und trotzdem jeder verstand.

In vielen postsowjetischen Gesellschaften entstand über Jahrzehnte genau daraus eine eigene Form von Kollektivität. Nicht unbedingt Vertrauen in Institutionen — das war oft gering — sondern Vertrauen in gegenseitige Funktion. Der Staat funktionierte unzuverlässig, also lernten Menschen, die Lücken dazwischen selbst zu schließen. Nicht aus Idealismus. Sondern weil Abläufe sonst stockten.

Vielleicht wirkte es deshalb gleichzeitig selbstverständlich und seltsam.
Menschen übernahmen ständig Funktionen füreinander, die eigentlich das System selbst hätte erfüllen müssen. Gerade dadurch wurde vieles länger mitgetragen, als es hätte funktionieren dürfen. Schlechte Organisation. Improvisation. Unklarheit. Man kompensierte Systeme, statt sie zu verändern.
Das Geld in der Maschrutka war dafür fast ein Symbol. Der Ablauf zwang jeden mit hinein. Gleichzeitig sah jeder, dass bezahlt wurde. Verantwortung verteilte sich nicht nur auf mehrere Hände, sondern auch auf mehrere Augen: Ja, er hat bezahlt.

Niemand vertraute unbedingt dem System. Aber für ein paar Sekunden vertraute jeder der Hand des Nächsten.
Und vielleicht lag genau dort mein eigentlicher Widerstand.

Der westlich geprägte Reflex fragt schneller:
Warum soll ich Verantwortung für die Nachlässigkeit eines Fremden übernehmen? Der dort gelernte Reflex lautet eher: Wenn ich es nicht weiterreiche, funktioniert der Ablauf nicht.
Beides hat seine Stärke. Und beides seinen Preis.#

Denn Gesellschaften, die gelernt haben, Probleme ständig informell gemeinsam auszugleichen, entwickeln oft eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit im Kleinen — und gleichzeitig eine hohe Toleranz gegenüber Dysfunktion im Großen.

Und vielleicht lag gerade darin sein eigentlicher Charme.