DIE KRIMTATAREN – RÜCKKEHR AUF VERBRANNTES LAND
Es war ein Thema, das in der Luft lag. Man sprach nicht laut darüber, aber es war da. Vielen schienen die Tataren nicht geheuer. Vielleicht, weil ihre Geschichte zu nah war. Vielleicht, weil sie erinnerte. Sie waren sichtbar – und doch schien es, als wären sie nicht vorgesehen.
1944, unter Stalin, wurden sie deportiert. Dreißig Minuten Zeit, alles zu packen. Zweihunderttausend Menschen. In Waggons gepfercht, zusammengetrieben wie Vieh. Enteignet, entrechtet, vertrieben. In wenigen Tagen nach Zentralasien verfrachtet. Eine politische Säuberung. Kollektiv bestraft, was nicht war. Wer unterwegs starb, verschwand. Wer ankam, begann von nichts.
Erst 1989 erkannte die Sowjetunion die Deportation als ungesetzlich und verbrecherisch an. Ein Beschluss auf Papier. Die Folgen trugen andere.
Sie kamen zurück. Nicht alle, aber viele. Über Jahre verteilt etwa zweihundertfünfzigtausend – gut fünfzehn Prozent der Bevölkerung der Krim.
Aus Usbekistan, aus Taschkent und Samarkand. Aus dem Süden Kasachstans. Aus Sibirien und dem Ural. Aus Kirgisien und Tadschikistan. Aus einem verstreuten Volk wurde eine Bewegung – zurück auf die Krim.
Die meisten kamen auf eigene Faust. Tagelange Fahrten in überfüllten Zügen, mit Umstiegen über Moskau oder Charkiw, dann weiter nach Süden. Säcke, Kisten, alte Koffer. Andere charterten Lastwagen oder kleine Busse, beladen mit Möbeln, Werkzeug, Bauholz. Pannen gehörten dazu. Oft fuhr einer voraus, suchte Land oder ein Haus, holte später die Familie nach.
Staatliche Hilfe gab es kaum. Entschädigung keine. Grundstücke mussten gekauft oder einfach besetzt werden. Viele lebten monatelang in Zelten, in Rohbauten, in winzigen Häusern, die sie selbst errichteten, bevor ein Dach blieb, das man so nennen konnte. Sie bauten nicht, weil sie durften, sondern weil sie mussten.
Langsam organisierten sie sich. 1991 gründeten sie den Medschlis. Mustafa Dschemiljew stand an seiner Spitze.
Er war ein schmaler, kleiner Mann, kaum eineinhalb Meter groß, graues Haar, eine Gestalt, die man leicht übersah. Doch in seinen Augen und in seiner Stimme lag etwas, das nicht aus Lautstärke kam, sondern aus innerer Kraft. Er musste nichts behaupten. Er war da.
Fünfzehn Jahre hatte er in Gefängnissen, Lagern und im Exil verbracht. Mitglied der Moskauer Helsinki-Gruppe. Dreihundertdrei Tage Hungerstreik – der längste in der sowjetischen Geschichte. Und doch trug er all das ohne Pathos, ohne Bitterkeit, als wäre Würde etwas, das man nicht verliert, wenn man sie nicht ausstellt.
Der Medschlis hatte keine offizielle Macht. Aber er war Stimme und Gedächtnis der Krimtataren. Mehr brauchte es nicht – und mehr wurde ihm auch nicht zugestanden. Sein Büro lag nicht weit von unserem Haus. Dschemiljew ging oft zum Denkmal, aß im tatarischen Restaurant gegenüber. Präsenz statt Amt. Haltung statt Titel.
Einmal im Jahr, am 18. Mai, änderte sich das Bild der Stadt. Schon am Vormittag füllten sich die Straßen. Alte Männer mit schwarzen Tjubetejkas, Frauen mit Kopftüchern, Jugendliche mit Fahnen – himmelblau, mit goldener Tamga. Sie trugen Porträts ihrer Familien, vergilbte Fotografien jener, die 1944 in den Waggons verschwunden waren und nie zurückkehrten.
Es war kein Tag zum Feiern. Es war der Tag, an dem sie gegangen waren – und an dem sie seither jedes Jahr zurückkehrten. Man hörte Reden, kurze Gebete, manchmal nur die Stille, die sich wie ein Mantel über die Menge legte. Unter ukrainischer Verwaltung war es ein offizieller Gedenktag. Später wurde es ein Datum, das man demonstrierte.
Im Alltag waren sie sichtbar und unscheinbar zugleich. Sie fuhren Taxis und Marschroutkas, handelten auf Märkten, bauten Folientunnel auf zwei Hektar Land, zogen Erdbeeren, Wein, Gemüse, hielten Ziegen. Viele betrieben Restaurants. Sie verdienten ihr Geld, bauten Häuser, blieben unter sich. Das hatten sie gelernt.
Es wurden wieder Kinder geboren. Nicht viele, aber genug, um zu zeigen, dass Rückkehr mehr war als Erinnerung. Diese Kinder wuchsen selten im Zentrum der Städte auf. Die Familien zog es hinaus in die Dörfer – dorthin, wo ihre Großeltern gelebt hatten, bevor man sie vertrieb. Orte mit alten Namen, brüchigen Fundamenten, Feldern, die man kannte, auch wenn sie lange brachgelegen hatten. Man half sich gegenseitig beim Bauen, teilte Werkzeug, Arbeit, Zeit. Rückkehr war hier kein politischer Akt, sondern Alltag.
Doch sie waren nicht willkommen.
Im russisch geprägten Alltag lag ein sichtbares Misstrauen: abfällige Blicke, halbe Sätze, das unausgesprochene Gefühl, dass sie hier nur geduldet seien. Als hätten sie sich etwas zurückgeholt, das nicht mehr für sie vorgesehen war. Unter Ukrainern war es anders – nicht konfliktfrei, aber offen. Es passte: eine Minderheit, die zurückkehrte, in einen Staat, der selbst um seine Form rang.
In den Ämtern jedoch spürte man eine andere Grenze. Tataren kamen selten hinein, noch seltener nach oben. Und wenn doch, dann meist nur dann, wenn sie genehm waren – angepasst, verlässlich, politisch brauchbar. Wer unbequem blieb, blieb draußen. Macht war hier nichts, das man sich erarbeitete. Sie wurde zugeteilt.
Es gab Konflikte – wenn Land besetzt und kleine Häuser über Nacht errichtet wurden. Politisch aufgebauscht, selten gefährlich. Zeichen dafür, dass Rechte eingefordert wurden, nicht Einfluss.
Die Krim war nie nur tatarisch oder russisch. Sie war ein ethnisches Mosaik. Neben den Krimtataren lebten hier Russen, Ukrainer, Armenier, Griechen, Bulgaren, Deutsche, Karaimen.
Kirchen standen neben Moscheen, Moscheen neben Synagogen. Auf den Basaren mischten sich Sprachen wie auf einem Schiff im Mittelmeer. Spannungen gab es. Aber bis in die 2000er-Jahre hinein gehörten sie zur Normalität.
Die eigentlichen Brüche kamen von außen. Von der Politik. Von der Frage, wem diese Halbinsel gehörte.
Als im Winter 2013 der Maidan begann, war für viele Tataren klar, worum es ging. Sie fuhren nach Kiew, mit Bussen und Autos, mit Decken, Essen, festen Schuhen. Nicht nur für Europa – sondern gegen die Rückkehr unter das, was sie kannten. Ihre Geschichte war zu nah, um sie zu vergessen.
Auch auf der Krim standen sie auf den Plätzen. In Simferopol, mit Fahnen in Blau-Gelb und dem helleren Blau der Krimtataren. Es waren nicht viele. Aber jeder wusste, dass Namen notiert, Gesichter gemerkt wurden. Und doch blieben sie stehen, selbst als der Wind kalt wurde.
Für sie stand nicht nur ein Abkommen auf dem Spiel.
Es war die Frage, ob das Leben, das sie sich mühsam zurückgeholt hatten, noch Platz haben würde.