20 DIFFUSION

Unser erstes Weihnachtsfest war klein. Ein paar Lieder. Ein paar Geschenke. Mehr nicht. Ich merkte schnell: Ein Fest lässt sich nicht importieren. Man kann sich bemühen – aber was aus der Kindheit stammt, ist stärker.

Später änderte sich das. Langsam. Plastikbäume tauchten in den Geschäften auf. Schmuck dazu. Man verschob das Fest, zog es zum Neujahr, mischte alles ineinander. Die neue Mitte nahm es an. Groß. Glänzend. Ordnungsgemäß.

Danach verwandelte sich die Wohnung. Geputzt. Die Küche lief heiß. Der Kühlschrank war voll. Chaladez. Fisch. Kaviar. Schwein. Tomatensaft aus dem Keller, Kompott vom Balkon, eingelegte Früchte und Pilze.
Es wurde vorbereitet, als käme etwas Großes. Nicht das Fest – sondern die Tage danach.

Der Tisch war ausziehbar. Er wurde erweitert mit einem zerlegbaren Teil vom Balkon, wuchs, bis er fast tischtennisgroß war. Kein Zentimeter blieb frei. Vorspeisen, Hauptspeisen, Getränke, Alkohol – alles in Reichweite. Beethoven Neunte, kulinarisch inszeniert. Frisuren, Kleider, Lack: Hochglanz.

Der Fernseher lief ununterbrochen. Ich verstand die Sprache kaum, bemerkte aber, wie Szenen erwartet wurden, wie man Phrasen mitsprach. Gelächter kam an Stellen, die ich nicht erkannte. Erst Monate später begriff ich, was hier lief: Neujahrsklassiker. Filme, die man hundertmal gesehen hatte und jedes Jahr wieder sah. Wegen der Ironie. Wegen der Erinnerung.

Am stärksten blieb mir Ironie des Schicksals im Gedächtnis: Ein Mann, betrunken, landet durch eine Verwechslung in einer fremden Stadt, glaubt sich zu Hause – und merkt erst spät, dass selbst die Wohnung identisch ist. Absurder Stoff. Und doch vertraut in einer Welt aus gleichen Häusern, gleichen Gängen, gleichen Türen.

Dann kamen Tante Ludmilla und Onkel Walera. Ich wurde vorgestellt. Wir lächelten vorsichtig, redeten mit Händen und Füßen, bis man feststellte, dass auch Englisch möglich war – nur ungern. Man stellte Fragen, ich gab kurze, einfache Antworten. Kein Urteil, kein Lob. Außer für die Hausherrin und ihr Können. Das reichte. Ich war aufgenommen.

Teurer Wodka wurde eingeschenkt. Praktische Geschenke überreicht: Mixer, Schokolade, Pullover. Frauen verschwanden in der Küche, Männer im Zimmer, später saßen alle am Tisch. Mit Tischreden und Wodka näherte man sich dem Neujahr. Dann wurde es dunkel. Einfach so. Der Fernseher verstummte. Das Licht erlosch. Der Strom war weg.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Erst jetzt merkte ich, wie laut der Raum zuvor gewesen war. Kerzen wurden gesucht, eine Akkulampe gefunden. Das half wenig. Vor allem der stumme Fernseher hinterließ eine Leere. Mama fluchte. Ludmilla fluchte. Es war Neujahr.

Später lernte ich, dass Strom hier nie selbstverständlich war. Spannungen schwankten. Lampen explodierten wie kleine Feuerwerke. Wer einen Computer besaß, brauchte ein eigenes System, sonst war er verloren. Ich kaufte mir Monate später ein UPS – teuer, kaum zu bekommen.

Man erzählte sich vieles. Alte Netze. Exporte. Absicht. Natascha meinte einmal, der Generalimporteur schicke Männer los, um irgendwo Leitungen zu kappen. Ich lachte. Aber sicher war ich mir nicht.
Die Menschen nahmen es mit Humor. Je schlimmer, desto fröhlicher. Man erzählte einen alten Witz:

Der Staat war wieder klamm. Der Zar befahl: „Steuern!“ – die Leute weinten.
Er befahl es erneut – und sie schrien.
Beim dritten Mal lachten sie.
„Gut“, sagte der Zar. „Dann keine neuen Steuern.“

An diesem Abend lachte niemand. Nach ein paar Telefonaten entschied man: zu Ludmilla. Drei Taxis wurden bestellt, Speisen zusammengerafft, und schon setzte sich der Tross in Bewegung. Umzug eines Festes – quer durch die Stadt.
Dort erlebte ich, was es hieß, das Glück zu haben, eine eigene Wohnung zu besitzen.
Ludmilla lebte nämlich noch in einer sogenannten Kommunalwohnung.

Über ein zentrales Podest gelangte man hinein – verschmutzt, mit Ölfarben verschmiert, der Putz teilweise herabgefallen, der Geruch von Schweiß, Urin und Tabak allgegenwärtig, erleuchtet nur von einer schwachen Glühbirne. Von dort führte ein Korridor ab, mit Teppich und Schuhen vor den Türen – manchmal auch Kommoden ausgelegt, links und rechts die Türen. Türen auch aus Holz für Innen, braun lackiert. Versifft.

Das hieß: eine Einzimmerwohnung, manchmal zwei oder wenn Luxus und viele Kinder drei – je nach Größe der Familie. Nur durch dünne Zwischenwände von den anderen abgetrennt. Keine Küche. Kein WC. Kein Bad.
Das italienische WC lag neben der Dusche, die nur kaltes Wasser bot – eigenes Papier musste man mitbringen. Die Küche befand sich am Ende des Gangs: zwei Herde, an denen mehrere Frauen gleichzeitig kochten. Alles musste man selbst mitbringen und gleich wieder abräumen.
Der Nachbar wohnte gegenüber, Tür an Tür. Der Stromzähler für jede Wohnung lief fast laut – und die Scheibe ruderte fast wie verrückt, sobald Heiz- oder Kochplatten eingeschaltet wurden.

Alles war von Vorhängen verhangen, Stapel, Kartons, riesige Einkaufstaschen aus Polen. Wer etwas suchte, musste sich wie ein Lagerarbeiter durchwühlen.
Das Sofa: zugleich Bett und Sitzbank. Möbel zusammengewürfelt, neben einem hier typischen Wandteppich als Schutz vor Lärm und Kälte und fehlender Tapete, ein Sammelsurium der Möglichkeiten.

Nichts hatte Stil. Alles wirkte wie eine Baustellenbaracke, ärmlich, aber sauber. Durch die Fenster zog es, der Lack blätterte, Linoleum lag auf dem Boden. Auf 35, vielleicht 40 Quadratmetern lebte man zu viert – Kinder, Großmutter, Eltern.

So lebten viele: im Wohnheim „Obsche Schitje“. Oder in einer „Kommunalka“, drei Familien in drei Zimmern. Wartezeiten: zwanzig Jahre. Nur Verheiratete mit Kindern hatten Chancen. Armee oder Auslandseinsatz, wie bei Walera im Irak, halfen. Wohnungen waren Privileg – erst recht im Zentrum. Schmiergeld, Empfehlungen, Beziehungen: das Denken war seit Jahrzehnten geprägt. Es gab immer Wege.