Zehn Minuten später tauchte ein Lichtschein im Schnee auf. Slavik, grinsend, hockte auf einem Gepäckwagen neben dem Fahrer. Mein Retter. Wir luden das Gepäck auf, zogen die Jacken enger und fuhren quer über das Rollfeld. Keine Taxiways, keine Spuren. Kilometerweit. Bis zum Flughafen. Und schließlich zum Taxi. Warm. Wartend. Richtung Natascha.
Unvergesslich. Nichts ging verloren auf dieser Reise. Alles ging irgendwie. Und stolz war ich doch: Am Morgen ihres Geburtstags war ich bei ihr.
Ich wurde empfangen wie ein König. Ein Hausherr. Der Mann fürs Haus. Überall Blumen. Man erzählte mir voller Stolz, dass man die letzten Wochen alles blankgeputzt habe. Die Tapeten waren erst vor Stunden fertig geworden.
In den großen braunen Ohrensessel setzten sie mich. Wie einen Gast, der angekommen war.
Zu meinen Füßen, auf niedrigen Hockern, berichtete man mir, was alles getan worden war: geputzt, geschleppt, organisiert. Und dass man ja nicht wisse, ob alles gutgehen würde. Es war keine Klage, eher ein vorsorgliches Seufzen.
Zwischen Geschenken, Umarmungen, Auspacken und langen Erzählungen verging die erste Nacht. Ich hatte Musik mitgebracht. Ein kleines HiFi-Gerät, genau so gekauft, dass es in den Koffer passte. Als es spielte, wurde es für einen Moment stiller im Raum. Nicht ruhiger – nur gebündelter.
Die Schwiegermutter lächelte zufrieden und zog sich bald zurück. Sie wirkte erleichtert, fast dankbar, nicht mehr im Mittelpunkt stehen zu müssen. Als hätte sie verstanden: Das Leben hatte die Richtung gewechselt, und sie würde nun zusehen.
Ich nannte sie von Anfang an „Mama“. Es fiel mir leicht. Sie war 47, hatte schütteres Haar, gefärbt mit diesen sowjetischen Bleichmitteln, die nie ganz hielten. Ihr Blick war wach, vorsichtig, müde. Sie war etwas Besonderes, ohne es zu wissen.
Manchmal, spät am Abend, saß sie still da, die Hände gefaltet. Dann wieder erzählte sie viel, sprang von Erinnerung zu Erinnerung, als müsse sie etwas festhalten, bevor es verschwand. Sie sprach von Liedern, die sie früher gesungen hatte, von Kornfeldern, so hoch, dass man darin verschwinden konnte.
Wenn sie davon erzählte, richtete sie sich auf. Ihre Stimme wurde heller. Einmal juchzte sie sogar, drehte sich im Raum, lachte. Wir schämten uns ein wenig – und liebten sie in genau diesem Moment umso mehr.
Sie lebte vorsichtig. Jeder Schritt schien geprüft, jede Freude befristet. Als könne sie es sich nicht leisten, überrascht zu sein. Sie ging früh schlafen, stand früh auf, räumte auf, wo nichts zu räumen war. In der Kirche saß sie still, den Blick gesenkt. Nicht aus Frömmigkeit, eher aus Gewohnheit.
Oft sagte sie: „Wso budit charascho.“
Es wird alles gut.
Sie sagte es wie einen Satz, den man gelernt hatte, nicht wie einen Gedanken.
Die Zeit verging. Mit ihr die Tage. Das Warten füllte den Raum zwischen den Handlungen. Es wurde ein Zustand. Still. Beharrlich. Fast sorgfältig gepflegt.
Boris war lange ihr Halt gewesen. Ihr Mann. Sie hatte ihn abgöttisch geliebt. Er wusste, wie man organisiert, wie man Geld verdient, wie man sich bewegt. Mit ihm war sie jemand gewesen. Als er nach langer Krankheit an Krebs starb, verlor sie den Boden. Später, als Natascha mit der Firma von der Mafia bedroht wurde, brach er endgültig weg.
Nun war ich hier. Und plötzlich schien wieder etwas offen. Mama meinte sogar, ich sähe Boris ähnlich – im Gesicht, im Benehmen. Sie sagte es vorsichtig. Dafür wollte sie vieles geben, damit alles gut würde. Ihr Herz war groß, ungeschützt, wie das vieler Sowjetmenschen.
Wenn jemand starb, ging Mama mit den anderen Frauen. Kopftuch, Mantel, kein Wort zu viel. Klagelieder wurden angestimmt, Tränen vergossen um Menschen, die man kaum gekannt hatte. Nicht um sie. Um das Eigene, das kommen konnte. Die Angst saß fest, wie eine Schnur ums Herz.
Später kreiste der Wodka. Stimmen kippten. Trauer löste sich in Tanz, in lauten Seelenjubel. Es war offen, ehrlich. Und wer es verstand, konnte darin sogar etwas Schönes sehen.
Die Wohnung bot wenig Platz. Drei Zimmer im Plattenbau, fünfter Stock. Küche, schmaler Korridor, links das Wohnzimmer, am Ende Bad und WC. Rechts ein kleines Zimmer mit Balkon – unser Büro. Links das Schlafzimmer. Mama schlief im Wohnzimmer auf dem Diwan. Jeden Morgen räumte sie ihn weg, zog die Decke glatt, als erwarte sie Gäste, die nie kamen.
Die Steckdosen saßen sich in den dünnen Wänden genau gegenüber. Als wären sie Durchreichen. Tatsächlich waren sie es. Wir hörten, wie die Nachbarin arbeitete. Rhythmisch. Beharrlich.
Der Lift funktionierte mal, mal nicht. Mal mit Licht, mal ohne. Türen, die nicht richtig schlossen. Geräusche, als würde er jeden Moment abstürzen.
Irgendwann benutzte man ihn trotzdem.
Anfangs mied ich ihn. Doch das Treppensteigen zermürbt. Und irgendwann gibt man sich allem hin.
Es war Weihnachten. Mein erstes hier.
Man erwartete von mir wohl, dass ich etwas mitbrachte. Stimmung aus Europa, die dort Wochen im Voraus anwächst, während sie hier schlicht nicht existierte. Am 24. Dezember begann meine Suche nach einem Baum.
Slavik fuhr mich durch halb Simferopol. Straße um Straße. Geschäft um Geschäft. Irgendwann sagte er beiläufig:
„Weihnachtsbäume gibt es erst zu Neujahr.“
Ich sagte nichts. Er wusste es die ganze Zeit – und fuhr trotzdem.
Vielleicht war genau das der Punkt: Logik war hier kein Werkzeug. Sondern eine Schleife.
Nach zwei Stunden fand ich einen Mann, der irgendwo Äste abgeschnitten hatte. Drei Stück. Krumme, dürre. Illegal, aber egal.
Mit einer Hacke kniete ich im Korridor, direkt vor dem Lift, und bastelte aus den Ästen die Idee eines Weihnachtsbaums. Ich dachte: Wenn man mich jetzt sähe. Ein Österreicher mit Hacke, zwischen verbogenen Zweigen. Kein Bild, das man vorbereitet im Kopf trägt.